«La vergüenza» (dt.: «Die Schande») von David Planell hat das Filmfestival von Málaga gewonnen. Ein junges Paar adoptiert darin einen verhaltensgestörten 8-jährigen Jungen, der zuvor ganz offensichtlich eine schlimme Zeit durchgemacht hat und der die Beziehung der Eltern auf eine schwere Probe stellt. Schon der Trailer ist sehr bewegend, ich denke mal der Film um so mehr. Ab 30. April 2009 in Spanien und später hoffentlich auch bei uns in Deutschland zu sehen. Es ist der Debutfilm des 41-jährigen David Planell aus Madrid, der zuvor schon mit dem guten Drehbuch zu Siete mesas de billar francés auf sich aufmerksam gemacht hatte.
Alle Preise im heute erschienenen El País-Artikel: «Málaga premia sin vergüenza al cine más joven». Es freut mich besonders, dass der argentinische Film «El niño pez» (dt.: «Das Fisch-Kind») von Luica Puenzo, der mich auf der Berlinale schon so beeindruckt hatte, mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Auch hier der Trailer, auch hier die Hoffnung, dass er seinen Weg in die deutschen Programm-Kinos finden möge.
Diese Woche startet in den spanischen Kinos der mexikanische Film «Rudo y Cursi». Die beiden genialen Schauspieler Gael García Bernal und Diego Luna sind darin sieben Jahre nach «Y tú mamá también», wo sie sich fürs mexikanische Kino recht freizügig mit sich selbst und mit der bezaubernden Maribel Verdú (Filmausschnitt) beschäftigten, wieder gemeinsam auf der Leinwand zu sehen. Beim Kinoerfolg damals, der ja auch bei uns im Kino lief, führte Alfonso Cuarón Regie, das Drehbuch schrieb er mit seinem Bruder Carlos. Dieses Mal ist Carlos der Regisseur und hat auch wieder das Buch geschrieben, und sein Bruder hat den Film gemeinsam mit Guillermo del Toro und Alejandro Gonzalez Iñárritu (Amores Perros, Babel) produziert.
Ehe Ihr Euch den Trailer zum Film anschaut, müsst Ihr unbedingt einen Blick in diese großartige Parodie der Norteño-Musik, der Musik aus Mexikos Norden, werfen. Zeigt sie doch die große Wandlungsfähigkeit von Gael, der die Transe bei Almodóvar («La mala Eduacción») genau so gut spielen kann wie den Ché bei Walter Salles («Diarios de Motocicleta»). Hier also Gael García Bernal, vom Fußballer zum Norteño-Sänger im schrägen, grellen Outfit mutiert:
Heute möchte ich Euch einen Film vorstellen, der mit zweijähriger Verzögerung in Hamburg und Berlin in die Kinos gekommen ist: «Stellet Licht» des Mexikaners Carlos Reygadas.
Der Film handelt von den zumeist noch in den Traditionen des 19. Jahrhunderts lebenden und auch heute noch plattdeutsch sprechenden Mennoniten im Norden Mexikos, in Cuauhtémoc im Bundesstaat Chihuahua. Doch zuerst ein Bild von mir aus meiner Zeit in Chihuahua, wo ich vor fast 20 Jahren für ein Jahr gelebt habe. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Dazu später mehr.
«Stellet Licht» hat in Cannes, Chicago und Cuba Preise abgeräumt. Bei dem Titel würde man zunächst keinen mexikanischen Film vermuten, doch Carlos Reygadas (der schon den genialen Film Japón gedreht hatte) hat seinen Film bewusst nicht «Luz silenciosa», sondern eben mit dem plattdeutschen Titel «Stellet Licht», unschwer erkennbar auf deutsch «Stilles Licht», genannt. Worum es in dem Film geht, samt knapper Zusammenfassung der Auswanderungs-Geschichte der Mennoniten, kann in der arte-Rezension nachgelesen werden. Ich zitiere hier nur die Inhaltsangabe:
Bauer Johan lebt mit Frau und sechs Kindern in einer Mennonitengemeinde in der Provinz Chihuahua, Nordmexiko. Gegen die Gesetze Gottes und der Menschen hat er sich in eine andere Frau verliebt.
Hier der Trailer, dort hört man auch wie die Mennoniten sprechen. Ist schwer zu verstehen, doch es ist tatsächlich plattdeutsch:
Aktuelle Filmvorstellung in der taz von Christina Nord: Moderne Mennoniten. Sie schwärmt von der großen Schönheit des Films und von der Ergriffenheit, die sich beim Betrachten einstellt.
Und jetzt wieder zurück zu meinem Foto. So sah ich damals mit den langen Haaren tatsächlich aus. Und als ich einmal mit Freunden von Chihuahua aus nach Cuauhtémoc gefahren war, haben wir einen mexikanischen Verwandten besucht, der Kontakte zu den Mennoniten hatte. Er versprach, uns so ein Mennoniten-Dorf zu zeigen und die Leute, die er da kannte, mit uns zu besuchen. Wir sind in ein Dorf namens Gnadental gefahren und was wir dort sahen, war unglaublich. Wie mit der Zeitmaschine 100 Jahre zurück befördert. Die Mennoniten lehnen ja so gut wie jeden Fortschritt ab und leben dort noch wie vor 100 Jahren. Und als ich ihnen von dem mexikanischen Bekannten als Deutscher vorgestellt wurde, wollten sie das nicht glauben. Ein Mann mit langen Haaren soll ein Deutscher sein? Undenkbar! Einer sagt damals zu mir: «Du bisch känn Deitscher, Du bisch e Russ». Warum er mich für einen Russen hielt, hab ich nicht herausbekommen. Aber ein guter Deutscher sieht in den Augen der mennonitischen Tradition (leider eine Kultur mit sehr begrenztem Horizont, um es vorsichtig auszudrücken), nicht so aus wie ich damals. Schade, dass ich die Fotos, die ich damals mit den Mennoniten gemacht habe, gerade nicht finde. … Da kommt mir eine Idee. Moment ich schau mal nach …
Jawoll, in den Briefen, die ich damals an meine Eltern schrieb, hab ich noch ein Mennoniten-Foto gefunden, hier ist:
So sehen die Leute aus, und mittendrin der langhaarige Deutsche. Wie man auf dem Foto unschwer erkennen kann, war ich damals an einem Sonntag dort. Denn alle (außer mir) haben die gute Sonntagskleidung an.
Ich bin sehr gespannt, den Film diese Woche in Hamburg zu sehen, wahrscheinlich gehe ich am Mittwoch rein. Er läuft dort im 3001 Kino im Schanzenviertel, als plautdietsche O.m.U.. Die noch ausstehenden Termine sind: 13.-15.04. um 18.15 Uhr; 17.04. um 16.15 Uhr; 21. & 22.04. um 16.15 Uhr.
Das Kurzfilmmagazin Kurzschluss auf arte gehört zu meinen absoluten Lieblingssendungen im deutschen Fernsehen. Leider komme ich nicht immer dazu, die Sendung regelmäßig zu sehen. Heute Nacht habe ich sie zum Glück gesehen und bin auf diesen außergewöhnlich interessanten Kurzfilm gestoßen: The Apology Line:
Welch geniale – und wie so oft bei selbigen auch einfache – Idee: Auf Flyern und in Anzeigen (s. auch MySpace-Site des Projektes) haben Regisseur James Lees und seine Mitarbeiter eine Telefonnummer veröffentlicht, unter der die Menschen anonym anrufen konnten und sich für begangene Fehler entschuldigen konnten. Diese teilweise sehr betroffen machenden Bekenntnisse hat er in poetischen Bildern komponiert und zu einem sehr, sehr sehenswerten Kurzfilm verdichtet. 10 Minuten Einblicke in private Geständnisse eines persönlichen Scheiterns. Sei es in puncto Ehrlichkeit, Freundschaft oder Beziehung. Befremdlich und anrührend zugleich. Unbedingt anschauen!
Auf arte.tv heißt es treffend in der Beschreibung zum Film:
Betroffen war der Filmemacher von der spürbaren Isolation der Anrufer. In «The Apology Line» hat er diese Einsamkeit visualisiert – in urbanen, vorörtlichen Szenen mit jeweils nur einer Person im Bild. In den Momenten dieser Einsamkeit ist der Mensch mit seinen Gedanken – und seinen Schuldgefühlen – allein.
Sehenswert auch das Interview mit dem Regisseur James Lees, der Details über das Entstehen und den Verlauf des Projektes erzählt und der zusammenfassend erkennt, dass die meisten Entschuldigungen mit dem schlechten Gewissen nach dem Fremdgehen zusammenhängen.
Ebenso spannend und gut auf Kurzschluss vorgestellt: das formal sehr interessante Konzept des Internet-Kurzfilmfestivals Filmminute (bei dem sogar eine Bekannte von mir, Andrea Dittgen aus Saarbrücken, in der Jury war). Auf filminute.com kann man in preisgekrönten Kurzfilmen aus der ganzen Welt auf Entdeckungsreise gehen. Und ähnlich wie die Beschränkung auf 140 Zeichen bei Twitter zu strenger formaler Disziplin zwingt, gelingt es auch den Micro-Kurzfilmregisseuren tatsächlich in kostbaren 60 Sekunden ganze Geschichten zu erzählen, die sich natürlich nach Ablauf der Minute im Kopf des Betrachters weiter entwickeln. Spannend.
Also: Unbedingt reinschauen in Kurzschluss. Lohnt sich. Leider kann das Programm in der arte-Mediathek aus Gründen des Jugendschutzes nur zwischen 23 und 5 Uhr geschaut werden.
Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich die Musik von Cat Power gerne mag (ich war letztes Jahr auf dem Konzert in Hamburg) und dass ich eine besondere Beziehung zum Kino von Pedro Almodóvar habe (den Maestro hab ich schon zwei mal persönlich getroffen und meine Magisterarbeit über sein Kino geschrieben). Folglich freue ich mich sehr, dass beide Themen im aktuellen Film von Almodóvar zusammen kommen: Cat Power ist mit dem wunderbaren Song Werewolf Teil des Soundtracks von «Los abrazos Rotos».
Wer spanisch kann (ich sag’s ja immer: Leute, lernt spanisch!), wird seine Freude am Artikel «Almodóvar se hace indie» über den Soundtrack des bei uns im Sommer ins Kino kommenden neuen Almodóvar haben:
La música cumple una función esencial en las películas de Pedro Almodóvar. Gracias a él, entre otros, Alberto Iglesias es uno de los pocos compositores de banda sonora que todo el mundo puede citar, y canciones como ‚Un año de amor‘ o la versión de ‚Piensa en mí‘ de Luz Casal son indisociables de sus películas. Pero el bolero y la ranchera no son los únicos géneros de que disfruta. Cualquier moderno habrá notado que son muchos los guiños en sus últimos films a la música independiente.
Update 19.3.09, 12 Uhr: Eine erste Zwischenmeldung vom Hispanistentag habe ich eben im ciberaBlog veröffentlicht.
Ab morgen bin ich bis Freitag auf dem Hispanistentag in Tübingen. Er steht unter dem Motto Weltsprache Spanisch – Horizonte der Hispanistik, findet vom 18. – 21. März 2009 an der Universität Tübingen statt. Ich war dort vor drei Jahren auch schon auf dem Katalanistentag. In der Programmankündigung zur wichtigsten Fachtagung zur Iberischen Halbinsel heißt es:
Nie war die weltweite Verbreitung des Spanischen so groß wie heute, nie so intensiv das Interesse an der spanischen Sprache und der spanischsprachigen Kultur – auch in den deutschsprachigen Ländern. Der Boom des Spanischen führt zu einer neuen Rolle der Hispanistik und zu einer stärkeren Profilierung und inneren Ausdifferenzierung des Faches in der internationalen Wissenschaftslandschaft.
Schaun wer mal, ob das gelingt. Ich freue mich auf spannende Vorträge (u.a. von Prof. Neuschäfer und Frau Prof. Albert, für die ich von 1996 bis 2002 als Assistent an der Uni Saarbrücken gearbeitet habe) und auf viele Gespräche mit ehemaligen und neuen Kollegen aus der deutschsprachigen Hispanisitik.
Und ganz besonders freue ich mich auch auf eine Veranstaltung aus dem Rahmenprogramm. David Trueba, ein Regisseur, den ich sehr schätze, wird in Tübingen anwesend sein. Es wird sein mit Luis Alegre gedrehter Dokumentarfilm über den wunderbaren spanischen Schauspieler Fernando Fernán Gómez gezeigt: La silla de Fernando. Hier ein Ausschnitt:
Pedro Almodóvar hat den vor einem Jahr angekündigten Zeitplan eingehalten: Am 18. März kommt «Los abrazos rotos» (dt.: Die kaputten Umarmungen) in Spanien in die KinosDeutscher Kinostart von ‚Los abrazos rotos ist laut IMDB der 9. August 2009. Dem Trailer nach zu urteilen, scheint das wieder ein typischer Almodóvar geworden zu sein: muy auténtico, estilo «Mujeres al borde…». Sein 17. Film erinnert in der Ästhetik und durch die Dominanz der Frauenfiguren sehr stark an seinen siebten. In der Hauptrolle eine frischgebackene Oscar-Gewinnerin, die wunderbare Penélope Cruz. …
Baraka aus dem Jahr 1992 von Ron Fricke. Was für ein großartiger Film. Heute Abend habe ich diese auf 70mm gedrehte Dokumentation zusammen mit Tristessedeluxe im Rahmen der Retroperspektive auf der Berlinale gesehen. Stehe immer noch unter dem Eindruck der wahnsinnigen Naturaufnahmen aus 24 Ländern. Ganz ohne Dialoge oder Erzähler. Einfach nur auf die Wirkung der Bilder und der Musik vertrauend. Und die Rechnung geht auf, man starrt gebannt auf die Leinwand und lässt die Eindrücke auf sich wirken.
Ich danke Christian Halten, der mir den Tipp gab, in den Film reinzugehen. Und Herrn Faustus, der sich unmittelbar vor dem Film mit mir traf, und der Verständnis dafür hatte, dass ich unser super-nettes Gespräch, das ich gerne noch weitergeführt hätte, für diesen Film unterbrochen hatte.