Ein großartiger Erfolg für die gute Kinoarbeit des 3001 Kino im Schanzenviertel. Das Kino, das so viele spanischsprachige Filme zeigt und in dessen Auftrag Für die beiden Filmfestivals «Spanische Filmtage Hamburg» und «Lateinamerikanische Filmtage Hamburg» ich im nächsten Monat in San Sebastián den neusten Jahrgang des Kinos aus Spanien und Lateinamerika begutachten werde, hat diesen Preisdotiert mit 20.000 Euro ganz sicher verdient.
Für das beste Jahresfilmprogramm ist das Hamburger Lichtspielhaus „3001“ mit dem Kinoprogrammpreis 2008 ausgezeichnet worden.
An der Kontroverse Blogs vs. Journalismus mag ich mich ja gar nicht beteiligen, die langweilt mich nur noch. Aber wenn jemand so viel dummes Zeug schreibt wie Josef Schnelle (Was bitteschön sind Internet-Blogs? Gibt es auch noch lokale, nicht im Netz zugängliche Blogs?) platzt mir echt der Kragen. Das von ihm gebrauchte Wort zersetzen stammt dazu noch aus der Begriffsschatulle der Nazis und sollte unbedacht nicht eingesetzt werden. Inhaltlich haben ansonsten Thomas Groh im Filmtagebuch (Die Filmkritik braucht Blogs):
Das Bild, das Schnelle zeichnet, könnte verzerrter, falscher nicht sein. Es sagt nichts aus über den wirklichen state of the art der Film-Netzkultur, wohl aber viel über Schnelles mangelnde Befähigung, sich dem noch immer frischen Medium Internet zu nähern. Das Internet ist seinem Wesen nach ausufernd, weitläufig und differenziert sich rapide immer weiter aus. Eine pauschale Zuspitzung wie die Schnelles ist schon deshalb nicht zulässig: Das Internet ist seiner Tendenz nach nicht homogenisierend, wie es auch keine glasklare Repräsentation desselben gibt: Das Internet als Angebotstätte von Inhalten ist nicht einfach etwas, das in seinen Bestandteilen ganz einfach vor einem liegt (etwa wie die Zeitung auf dem Frühstückstisch), sondern ist in diesem Punkt immer vor allem das, was sich der jeweilige Nutzer, im Sinne eines Navigators, daraus er-fährt.
Was für ein paranoides Szenario. In den USA zeigt sich, dass das glatte Gegenteil der Fall ist: Die Blogger sind längst da, wo sich die Print-Kritik den Platz, die Zeit und die Radikalität nicht mehr leisten will oder kann oder darf, die es für eine gründliche Auseinandersetzung so unabdingbar braucht.
Da ich den einzigen Spanier (Escalofrío), der auf dem Fantasy Filmfest in Hamburg läuft, schon auf der Berlinale gesehen habe, gibt es für mich nur noch einen Film des gestern in der Hansestadt gestarteten Festival-Programmes, den ich unbedingt sehen möchte: Der im Wettbewerb von Cannes viel beachtete israelische Film «Waltz with Bashir». Den Inhalt bringt die Stuttgarter Zeitung in wenigen Worten auf den Punkt:
Zwei Männer sitzen rauchend, schnapstrinkend in einer Bar – der eine (der Regisseur) erzählt dem andern, dem Freund, von einem wiederkehrenden Albtraum, in dem er gejagt wird von einer Meute schnapptoller Hunde. Die Männer gelangen zu der Vermutung, dass es da einen Zusammenhang geben muss mit ihrer israelischen Armee-Mission vor einem Vierteljahrhundert im Libanon. Ari stellt fest, dass er sich kaum an die Zeit erinnern kann, und befragt Freunde und ehemalige Kameraden – so setzt sich ihm Stück für Stück das Puzzle der verdrängten Wahrheit zusammen.
Das Faszinierende an dem Film ist vor allem die Form, in der er umgesetzt wurde: Statt ins Alter gekommene Männer in ihren Wohnstuben über das Trauma des Krieges (oder über dessen Verdrängung) reden zu lassen, wird das in Originaltönen Erzählte als Animation gezeigt. Das sieht dann in etwa so aus:
Die ausführliche Besprechung des Filmes von Nana A.T. Rebhan auf arte (mit einem Gespräch mit dem Regisseur) macht neugierig auf den Film:
WALTZ WITH BASHIR versucht das Grauen des Krieges auf eine höchst individuelle, so bisher noch nie gesehene, höchst eindringliche Form zu verarbeiten. Ari Folman selbst hat sich mit diesem ehrlichen Film seinen verdrängten Erinnerungen gestellt, in einer Art Selbsttherapie. Aber er versteht den Film auch als Erbe: „Vielleicht habe ich den Film auch für meine Söhne gemacht, die während der Entstehungszeit geboren wurden. Wenn sie einmal groß sind und sich den Film ansehen, wird es ihnen vielleicht helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Damit meine ich, nie an irgend einem Krieg teil zu nehmen.“
Wenn ich es schaffe, werde ich mir den Film nächsten Mittwoch, am 20. August um 19:30 Uhr, im CINEMAXX 1 am Dammtor anschauen (Version: hebräische OmdU). Offizieller deutscher Kinostart ist am 6. November 2008. Weitere deutsche Ausstrahlungstermine und Infos zum Film auf der Site des Fantasy Filmfestes. Homepage des Films (bisher nur mit Trailer), weitere Infos beim deutschen Vertrieb Pandora.
[Update 21.8.08: Ich habe den Film gestern Abend gesehen und bin schwer beeindruckt. Unbedingt anschauen, sehr sehenswert!]
Während Tierfilm-Star Flipper den Freitod gewählt hat, lebt Schimpansen-Star Cheeta, der schon in den 30er Jahren neben Johnny Weissmuller für die Tarzan-Filme vor der Kamera stand, erstaunlicherweise immer noch.
Quelle Autogrammkarte: Flickr (Abb. rechts) Mehr zu Cheeta, veranschaulicht mit einer urkomischen Szene aus dem 50er-Jahre-B-Picture «Bela Lugosi Meets A Brooklyn Gorilla» in der Videotheke.
Achim Voermanek, ein lieber Freund aus Saarbrücker Tagen, der mittlerweile in San Francisco lebt, hat mir heute dieses Panorama-Foto von San Sebastián geschickt. Traumhafter Blick vom Schloss auf die Bucht, die Bahía de la Concha. Unbedingt in groß anschauen. Tolles Bild! Danke, Achim, auch für die Erlaubnis es hier zu zeigen.
Im September (vom 18. – 27.9.08) werde ich wieder in Donostia sein, auf dem Internationalen Filmfestival von San Sebastián. Dann übrigens zum 14. Mal, ununterbrochen in Folge seit 1995. Obiger Blick erhöht meine Vorfreude darauf.
Wie versprochen noch ein paar Anmerkungen zu den Spanischen Filmtagen Hamburg, die ich heute Nachmittag schon angekündigt hatte:
Olaf Berg, Mathias Fahrig und Lars Stubbe haben wieder einmal ein sehenswertes Programm zusammengestellt. Besonders ans Herz legen möchte ich euch das Kurzfilmprogramm: «Tapas mixtas» (Mo. 7. 7. & Di. 8. 7. 21 Uhr). Dort gibt es u.a. den intelligenten Kurzfilm «Llévame a otro sitio» von David Martín de los Santos zu sehen, in dem nicht nur die Schauspieler ihre Rollen spielen. Ein junges Ehepaar in der Krise. Nein, kein langweiliger Streifen, sondern spannendes Kino im gut getimeten Kurzformat. Als Vorgeschmack der Filmanfang:
Auch wenn der 21-minütige Kurzfilm komplett auf YouTube zu sehen ist, bitte unbedingt – wenn möglich – im Kino anschauen. Filme sind für die Leinwand gemacht!
Auch für die Leinwand gemacht ist der Dokumentarfilm «Próxima estación» (Nächste Station), über das Schicksal ecuadorianischer Einwanderer in Spanien (Fr. 11. 7. um 19 Uhr; mit Estela Ilárraz als Gast). Dazu gibt es einen guten El País-Artikel: «Tres millones de historias de inmigración». Anhand dreier Familien wird das Einleben in einem neuen Land gezeigt, das zwar die gleiche Sprache wie das Herkunftsland spricht, das aber doch so anders ist.
Ganz großes semidokumentarisches Kino ist der Streifen «Lucio» des Basken Aitor Arregi (Do. 10. 7. um 19 Uhr). Unbedingt anschauen, ein absolut faszinierender Film. Die wahre Geschichte eines baskischen Bauarbeiters, der zum anarchistischen Widerstandskämpfer wird und zum gerissenen Fälscher von Banknoten und Ausweispapieren mutiert. Um Geld zu sammeln für den politischen Widerstand gegen Franco. Auch hier der Trailer:
Und last but not least zeigen die Spanischen Filmtage einen Film, den ich schon vor über zwei Jahren hier im Blog vorgestellt hatte: «Azuloscurocasinegro» (Dunkelblaufastschwarz): Spanisches Kino in dunkelblaufastschwarz. Wer den Film immer noch nicht sehen konnte (er lief ja schon häufiger im Kino), hat nun in Hamburg wieder die Chance dazu.
Ich bin mir sicher die spanischen FilmfreundInnen werden wieder für volle Säle im 3001 Kino auf der Schanze sorgen. Und das ist gut so. Hier nochmal das komplette Programm im Überblick. ¡Nos vemos en el cine!
Maria auf der Flucht, in einer bisher unbekannten Sequenz aus Fritz Langs Metropolis.
Thomas hat recht: Filmgeschichte kann spannend sein. Nun sind bisher unbekannte Sequenzen aus Metropolis (1927) in Argentinien aufgetaucht. Alle Infos gibt es in einer Vorabveröffentlichung auf ZEIT online:
Am Dienstag vergangener Woche reiste Paula Félix-Didier in geheimer Mission nach Berlin, um sich dort mit drei Filmgutachtern und mit Redakteuren des ZEIT-Magazins zu treffen. Im Gepäck der Museumschefin aus Buenos Aires: eine Kopie einer Langfassung von Fritz Langs Metropolis, darin Szenen, die seit fast 80 Jahren als verschollen galten.
«Mehr über diesen Krimi der Filmgeschichte lesen Sie im ZEITmagazin.», wirbt die ZEIT zurecht. Wird morgen gekauft.
[Update 3.7.08:] Ich kann meine heute Nacht spontan ausgesprochene Kaufempfehlung für DIE Zeit nur noch einmal wiederholen. Großartig, was ich auf dem Weg in die Bibliothek schon in der U-Bahn sehen und lesen konnte. Es handelt sich bei dem Fund um eine 16mm-Kopie der damals,1928, in Argentinien gezeigten langen Version mit spanischen Zwischentiteln. Schön auch die Geschichte, wie die Kopie über die Zeit gerettet wurde und wie ein geschiedenes Paar (der Filmkritiker Fernando Peña und die Filmmuseumsleiterin Paula Félix-Didier aus Buenos Aires) weiter seine gemeinsame Liebe zum Film pflegte und die Entdeckung so letztendlich publik machen konnte. Ganz viele Fotos in der Ausgabe des ZEIT-Magazins. Ich bin begeistert, aber sowas von! [Ende Update]
In Hamburg zu leben, hat viele Vorteile. Das ist keine Neuigkeit. Einer davon, und dazu einer, der mir besonders am Herzen liegt, ist, dass in der Hansestadt viele spanischsprachige Filme im Orginal gezeigt werden. Für gut informierte Kinogänger ist dies ebenso wenig eine Neuigkeit, genau so wenig wie die Tatsache, dass morgen die Spanischen Filmtage Hamburg starten. Allen anderen seien sie hier nochmals empfohlen:
Vom 3. bis 16. Juli 2008 gibt es im 3001 Kino viele gute Filme aus dem Land des aktuellen Europameisters. Zur Einstimmung der Trailer des morgigen Eröffnungsfilmes «Hombre de Arena» (Der Sandmann); Regie: José Manuel González-Berbel, mit Hugo Silva & María Valverde (die Kleine aus «La Flaqueza del bolchevique»):