Diskussion um taz-Titel Onkel Baracks Hütte

taz-Cover vom 5.6.2008: Onkel Baracks Hütte Eines vorneweg: ich mag die manchmal mutigen, meist originellen und oft witzigen taz-Titelseiten. Die taz sorgt aktuell mit ihrem Titelbild vom gestrigen Tag (5.6.08) wieder einmal für Diskussionen. Nachdem Barack Obama nun der designierte Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten ist, zeigte die taz gestern auf Seite 1 eine Aufnahme des Weißen Hauses und titelte dazu: «Onkel Baracks Hütte». Prompt wurde der Vorwurf des Rassismus laut. Für mich vollkommen unverständlich. Was soll den bitteschön daran rassistisch sein? Es ist ein lustiger Bezug auf ein auch in den USA unterdrücktes Thema, denn auch Obama möchte ja nicht als schwarzer Kandidat gesehen werden, sondern als der aller US-Amerikaner. Trotzdem ist es eben ein historischer Fakt, dass er als erster Schwarzer in den USA die Möglichkeit haben wird, sollte er die Wahlen im November gewinnen, im Januar 2009 ins Weiße(!) Haus einzuziehen.

Diskutiert wird über den Rassismus-Vorwurf auch (offen und selbstbewusst) im taz-Blog, im Artikel: «taz rassistisch? Einladung zum Kommentieren». Dort gibt der taz-Mitarbeiter Bernd Pickert eine Stellungnahme ab, die a) zeigt, dass das Titelbild auch innerhalb der taz nicht unumstritten war und b) – zumindest für mich – nachvollziehbar die Berechtigung dieses Titels unterstreicht:

Ich schreib hier mal, was ich auch in der taz-internen Diskussion rumgemailt habe, in der es auch viele kritische Stimmen zu dieser Seite 1 gab:

Der Onkel Tom aus dem literarischen Vorbild ist ein schwarzer Sklave, der sich lieber von den Weißen Herren erschlagen lässt, sich in Gottesfürchtigkeit flüchtet und seine Mitsklaven verrät, als gegen die Sklaverei aufzubegehren. Solange geknechtet, bis er seine Eigenschaft als handelndes Subjekt völlig aufgibt. Das Buch handelt aber deshalb natürlich nicht von der
Blödheit der Schwarzen, sondern vom Verbrechen der Sklaverei!

Und welchen größeren Kontrast könnte es geben als den vom unterdrückten, willfährigen Sklaven zum Kandidaten für das höchste Amt der USA? Sicher, Obamas Vater ist Kenianer, nicht afroamerikanischer Sklavennachfahre, und Obama ist kein x-beliebiger Schwarzer, sondern ein politisches Ausnahmetalent, völlig unabhängig von seiner Hautfarbe. Aber wir würden uns die Welt nett und kunterbunt lügen, wenn wir so tun würden, als ob seine Hautfarbe bislang und bis November keine Rolle spielen würde. Worum ging es denn in der ganzen Auseinandersetzung um seinen Pastor Jeremiah Wright bitte?

Kurz: Wir geben mit der Zeile und dem majestätischen Bild vom Machtzentrum in Washington dem Triumph Ausdruck, dass Onkel Tom passé ist – Onkel Barack ist eben ganz ganz anders; das ist die Botschaft der Seite 1.

Buchcover Uncle Tom's Cabin, Quelle: Wikipedia
Quelle: Wikipedia

Also, wenn ich etwas abstoßend finde, ist es der zwanghafte Hang politisch korrekt zu sein. Als wäre es rassistisch, ein Wort-/Bildspiel basierend auf einem Buch zu machen, das viele fehlinterpretieren und fälschlicherweise als rassistisch einordnen. Wer die Diskussion um die Rezeptionsgeschichte von Harriet Beecher-Stowes Roman Uncle Tom’s Cabin (1851/52) noch einmal nachlesen möchte, wird in der Wikipedia fündig: Onkel Toms Hütte.

Interkulturelles Detail am Rande: ich habe von der Diskussion um das taz-Cover nicht durch deutsche Medien erfahren, sondern durch ein spanisches. Und zwar in einem Artikel der Zeitung Público.es, die ich gestern im ciberaBlog ausführlich vorgestellt habe und die ich allen Spanischsprechenden nur zur Lektüre empfehlen kann1. Auf Público.es betitelt Guillem Sans Mora seinen Artikel mit «El mapa del mundo – La cabaña del tío Barack».

  1. Leiter der erst im September 2007 gegründeten jungen Zeitung ist der spanische Blogger Ignacio Escolar []

34 Gedanken zu “Diskussion um taz-Titel Onkel Baracks Hütte

  1. Meine spontane Reaktion auf den Titel war amuesiert. Und dabei belasse ich es auch. Antirassistisches Engagement in allen Ehren, aber man kann es auch uebertreiben, in jeder Suppe das rassistische Haar suchen zu wollen. Zumal es nicht nur auf das Bild ankommt, sondern eben auch auf den Text darunter.
    Schade, wuerde Obama gerne fragen, was ER davon haelt. Ich waere bereit zu wetten, dass er ebenfalls amuesiert waere.

  2. Mhm, da bin ich mir gar nicht so sicher. Obama versucht ja stets gerade nicht als Schwarzer Kandidat gesehen zu werden. Ich fürchte, deshalb wäre seine Gelassenheit in dieser Angelegenheit sicher weniger gegeben, nicht wegen eines möglichen Rassismusvorwurfes, sondern wegen der Thematisierung seiner Hautfarbe generell.

  3. Man koennte ja mal versuchen nachzufragen…

    Dass seine Hautfarbe thematisiert wird, daran hat er sich ja auch laengst gewoehnt, es ist eben immer nur die Frage, WIE das passiert. Und das Titelbild der taz duerfte auch fuer Obama neu sein.

    Ich habe dieses Bild spontan eher als mit triumphalem „Unterton“ versehen empfunden.

    Interessante Kommentare „drueben“ bei der taz jedenfalls.

  4. Wenn ich nicht gerade in Umzugskartons ertrinken wuerde, haette ich es mal ueber die amerikanische Homepage versucht.

    Aber was nicht ist, kann ja noch… 🙂

  5. So, ich hab’s dann jetzt mal als Frage an Obama auf Twitter formuliert, mit Link auf diesen Artikel:

    @BarackObama Did you mind the taz-Cover about a pic of the White House and the headline „Uncle Barack’s cabin“?

  6. Wär ja interessant, ob die auch so verbissen reagieren wie die deutschen Verfechter der PC. Ich find es schon seltsam, wenn man gerade der taz Rassismus vorwirft.

  7. Na ja, Carsten, die US-Amerikaner sind da manchmal auch ganz schnell dabei. Siehe der lächerliche Rassismus-Vorwurf im Vorjahr zum damaligen Mister-Wong-Logo (s. Artikel auf SpOn), das einen Chinesen abbildete, und wo es hieß, damit werde das Klischee des Chinesen als Diener bedient. Das war auch wieder so ein Fall von absolut über das Ziel hinausgeschossen. Falsch verstandene PC gibt’s also auch auf der anderen Seite des Atlantiks.

  8. Ich glaube, wir haben es hier mit einem interkulturellen Problem zu tun.

    Aus deutscher Sicht ist das Cover völlig harmlos, sogar amüsant. Nur: den wenigsten Deutschen ist wohl bewusst, daß „Uncle Tom“ in den USA eine schlimme rassistische Beleidigung darstellt. In den USA ist ein Onkel Tom ein unterwürfiger, ungebildeter Schwarzer; daher würde dort auch sicher niemals, so wie in Berlin, ein U-Bahnhof nach dem Buch benannt.

  9. Danke, Lorelei, für die Ergänzung. Genau das meinte ich oben mit dem Verweis auf die Rezeptionsgeschichte in der Wikipedia. Und man oder frau sollte eben bei der Diskussion bedenken, dass die taz in Deutschland erscheint, wo die Reduktion des Buches auf das Bild des unterwürfigen Schwarzen eben nicht besteht.

  10. Ich denke allerdings, von falsch verstandener PC kann hier keine Rede sein.
    Man stelle sich nur mal folgendes vor: Die USA haben einen jüdischen Präsidentschaftskandidaten und die taz brächte auf ihrer Titelseite eine „Karikatur“ von Jüd Süss. Würde man das auch als satirisch entschuldigen?

  11. Lorelei: ich finde, der Vergleich hinkt ein bisschen, denn «Onkel Tom’s Hütte» wird ja in USA nur als rassistisch empfunden, ist es aber in der Tat nicht, sondern der Roman von Harriet Beecher-Stowe klagt vielmehr in seiner Grundaussage die Sklaverei sogar an. (Während «Jud Süss» eindeutig ein antijüdisches Werk und objektiv betrachtet ein antisemitischer Propagandafilm ist).

    Natürlich kann ich verstehen, dass sich US-Amerikaner an der Titelwahl der taz stören, die, wie du richtig beschrieben hast und wie es in der Rezeptionsgeschichte des Romans nachzulesen ist, bei Uncle Tom eine andere Assoziation haben. Eine andere Frage ist jedoch, ob die taz so etwas vorausschauend bedenken muss, und da würde ich sagen eher nein.

  12. Danke für diese Diskussion. War gleich mehrfach interessant:

    (1) Hier in Österreich bekomm ich von der taz so gut wie nix mit – schade eigentlich. Und so ist dieses gelungene Coverbild nicht an mir vorbeigegangen 🙂

    (2) Der von Lorelei angesprochene kulturelle Unterschied ist faszinierend, gerade in letzter Zeit dank http://nothingforungood.com/ und http://usaerklaert.wordpress.com/ schau ich mit ständig wachsendem Interesse mir Standpunkte von jenseits des großen Teichs auf unser Europa an – und genau da passt dies auch. „Uncle Tom“ als Beleidigung ist offensichtlich in den USA weit verbreitet, während hier niemand auf die Idee kommt, es könnte überhaupt eine politische Bedeutung haben, für uns ist es romantisch verklärt. Man muss die Sicht der Amerikaner ja nicht teilen, doch wenn man die Welt durch die Augen anderer sieht, fallen einem die eigenen Vorurteile und vorgefassten Meinungen zu einem Thema erst wirklich auf.

    Jetzt wünsch ich mir nur, ich würd zusätzlich noch das Sprachtalent haben, um spanischsprachige Medien lesen zu können – Spanien als Teil Europas ist für mich recht fremd (warm, Urlaub, Real – mehr fällt mir nicht ein), und Mittel- & Lateinamerika formiert sich in der aktuellen Globalisierung zunehmend als Machtpol ausserhalb der bisherigen Player.

  13. Truetigger: Zu deinem letzten Absatz: Du solltest Spanisch lernen! (Es lohnt sich.) Aber ich weiß: das ist leichter gesagt als getan. Denn dazu muss man ja auch erst einmal die Zeit aufbringen. Dass das Spanische enorm im Kommen ist (sowohl im Internet, als auch in den Vereinigten Staaten) ist aber wirklich wahr.

  14. Eine interessante Diskussion, die Du da angestoßen hast, Markus! Ich bin froh, dass Lorelei hier auf wichtige Punkte hingewiesen hat. Natürlich verbinden Deutsche mit „Onkel Toms Hütte“ etwas anderes als Amerikaner erst recht Afro-Amerikaner.

    Deine Frage, ob die taz das vorab hätte bedenken müssen, verneinst Du – ich bin da ehrlich gesagt nicht ganz so sicher. Zur Presse gehört auch Verantwortung und eben auch, sich zu überlegen, was man durch bestimmte Artikel, Bilder oder Schlagzeilen unter Umständen auslöst. Nun ist – denke ich -, das hier diskutierte Beispiel eher kein „dramatisches“ aber mir fällt auf, dass die Schlagwörter Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und „Political Correctness“ inzwischen gerne als Totschlag-Argumente hergenommen werden und damit scheinbar alles gerechtfertigt wird. Es gibt aber sehr wohl Grenzen, bei denen sich die Verantwortlichen sehr wohl überlegen sollten, ob sie sie wirklich überschreiten wollen. Manche Grenzen werden heutzutage eben nur noch überschritten, um den größeren Tabu-Bruch hinzulegen oder die größere Freiheit zu „beweisen“. Das ist denke ich eine gefährliche Entwicklung. Ist jetzt eher allgemeiner ausgeführt und nicht explizit auf das Titelbild der taz bezogen – das kann man so oder so sehen und ich kann z.B. durchaus nachvollziehen, das Frau Jekylla kommentierte, sie habe „dieses Bild spontan eher als mit triumphalem “Unterton” versehen empfunden“. Es kann so oder so bei den Lesern ankommen

  15. Liisa: Danke für deinen Kommentar. Ich versuche meine Aussage von oben zu präzisieren, nicht, dass ich da missverstanden werde.

    Wenn ich geschrieben habe, dass die taz eine ablehnende Haltung von manchen US-Amerikanern nicht unbedingt vorausschauend bedenken müsse, wollte ich der Zeitung keinen Satire-Freibrief ausstellen, mit dem sie jede Verletzung von ethischen oder politischen Positionen in Kauf nehmen darf. Sondern vielmehr wollte ich zu bedenken geben, dass eine deutsche Zeitung den Einsatz einer literarisch-tradierten Metapher – nichts anderes ist die Hütte von Onkel Tom – vorrangig für ihr Publikationsgebiet verantworten muss. Sie muss also meiner Meinung nach zu allererst bedenken, wie wird dieses Wort-/Bildspiel bei den Leserinnen und Lesern der taz im deutschsprachigen Raum ankommen? Wird man es verstehen? Darf man mit dem ironischen Gedanken spielen, dass ein schöner Gegensatz zwischen Onkel Tom und Barack Obama besteht? Auf der einen Seite der intellektuell Benachteiligte oder zumindest einfältig charakterisierte Onkel Tom und auf der anderen Seite Barack Obama als brillanter Redner und – im Gegensatz zum geistig armen Präsidenten Bush – mit großem Verstand versehener Vordenker und Visionist? Diese Intellektuellen-Ausgabe eines Onkel Tom bezieht nun womöglich nächstes Jahr Quartier im Weißen Haus, dem historischen Machtzentrum der USA. Ich finde, die taz darf das – und damit geht es mir so wie der sicher nicht ganz repräsentativen Mehrzahl der im taz-Blog Kommentierenden. Ich verstehe aber durchaus die Bedenken, die man und frau mit diesem Titel haben kann.

  16. Warum soll man sich denn auf den dümmsten gemeinsamen Nenner einigen. Ist der Titel denn nicht witzig? Seit wann darf die Satire denn nicht alles. Was soll die politkorrektness, die doch nur Ausweis der eigenen Antiliberalität und Klemmrasistenhaltung ist.

    Es wundert mich von Gary Smith solche Spiessigkeiten zu hören. Langsam sollte der sich doch mal in Berlin akklimatisiert haben. Kein Vorbild in Sachen liberaler Kultur, was

  17. Nur zum besseren Verständnis des letzten Kommentars: Karsten erwähnt Gary Smith. Das ist der Geschäftsführer der American Academy in Berlin, der als Kritiker der taz-Titelgeschichte u.a. im Spiegel-Artikel von David Gordon Smith erwähnt wird.

  18. In der Tat eine überaus spannende Diskussion hier in den Kommentaren. Habe glaube ich lange nicht so interessiert zu gelesen. Ich finde die Bild/Text-Komposition übrigens sehr gelungen. Weil sie einen triumphalen Unterton hat – denn so hat es also vielleicht endlich einen Fortschritt mit dem Ende der Unfreiheit; Weil sie einen rassistischen Unterton hat – und dieser durch die Tatsachen so dermaßen konterkariert wird.
    Abgesehen davon hat doch Obama das Thema Hautfarbe in seiner aufsehenden Rede auf die Tagesordnung gehoben, oder erinnere ich da was falsches?

  19. Faustus, ich nehme an, du meinst Obamas Rede «Speech on Race» vom 18. März 2008? Den Diskurs zur Rassismus-Problematik musste er ja eröffnen, um sich von Jeremiah Wright abzugrenzen. Das war ihm sicher gar nicht recht, doch er musste ja handeln, weil ihm die unpatriotischen Äußerungen des Predigers sonst ernsthaft Probleme für seine Kandidatur gebracht hätten.

  20. Ja, die meinte ich. Sicher war er durch die Umstände dazu gezwungen, es wurde aber zumindest großteils wohlwollend bedacht, oder? Und mit „aufsehenden“ meinte ich natürlich „Aufsehen erregenden“ 🙂

  21. «Aufsehenden Rede» war ja eine schöne Abkürzung. 😉

    Ja, natürlich hat Obama (bzw. haben seine Berater) dieses Thema zu jenem Zeitpunkt ganz bewusst gewählt, aber genau das zeigt ja auch die Stärke des Wahlkampfes von Obama: sich nie in die Defensive drängen lassen, immer offensiv auf die Argumente des Gegeners eingehen und sie möglichst schnell zerschlagen. Das ging in der Auseinandersetzung um die kritischen Äußerungen des Predigers dann eben nicht mehr ohne die Rassismus-Problematik in den Mittelpunkt zu stellen.

  22. Mag sein, daß der Vergleich mit „Jud Süss“ per se etwas hinkt; das war aber auch nur als Beispiel für ein beliebiges antisemitisches Stereotyp gemeint, um den Deutschen, die die Anspielung auf Onkel Toms Hütte so satirisch gelungen finden, ein Gefühl für das Ausmaß der Beleidigung im Begriff „Onkel Tom“ zu geben.

  23. Im ersten Moment ein Schmunzeln, ja.

    Aber dann kommt mir der Gag mit der Hütte doch zu dürftig vor. Die Titanic kann so etwas halt besser.

    Und schließlich erinnere ich mich bei der Diskussion um den „First black President“ an Funk-Platten wie „Blowfly for President“ und der pointierteren Formulierung vom „Black House, formerly known as the White House“ .

  24. Wären es nicht Sie, Frau Jekylla, würde ich jetzt den Spruch „Zwei Dumme, ein Gedanke“ anführen. Ich sag’s mal so: Eine Schnelle und ein Dummer haben zeitgleich den gleichen Link geliefert. 😉

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