Kuba – ein schönes Land mit vielen Problemen

Cuba must survive - man hat mich gezeichnetOk, auf dem Bild bin ich nicht ganz korrekt getroffen, aber wenn es heißt «Cuba must survive» unterschreibe ich das natürlich und habe dem jungen kubanischen Maler auch eine Kleinigkeit dafür gezahlt, der mich auf der Plaza Vieja letzte Woche in Havanna gezeichnet hat. Damit überlebt Kuba zwar noch nicht, und es ist auch nicht mehr als die bescheidene Geste eine Kuba-Besuchers, der natürlich in einer Woche Arbeitsaufenthalt keinen korrekten Einblick in das Land bekommen kann. Aber, da so viele mich nach meinen Eindrücken fragen, möchte ich versuchen sie hier wieder zu geben.
Dass Kuba ein – unter ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet – armes Land ist, wird hier ob der wirtschaftlichen Krise und der besonderen Situation in der Isolation durch das US-Embargo niemanden verwundern. Und auch ich wusste ja vor meinem ersten Besuch in Kuba ungefähr in welcher Situation sich das Land befindet. Auch die Lebensumstände waren mir nicht fremd, schon alleine durch das aktuelle kubanische Kino, das ich natürlich mit großem Interesse seit Jahren verfolge.

Malecón - die Mauer an der Küste Havannas

Entsprechend gerührt war ich gleich am ersten Abend an den sagenumwobenen Malecón zu kommen, die kilometerlange Betonmauer entlang der Küste, das «Wohnzimmer» der Kubaner. In zig Filmen gesehen, in zig Romanen darüber gelesen und plötzlich selbst dort gewesen. Doch ich schweife ab. Wie leben die Menschen in Kuba momentan? Das wollte ich ja erzählen.

Sie leben mit einem Durchschnittseinkommen von ca. 10 U$, im Monat wohlgemerkt, im Durchschnitt! Es ist mir ganz und gar unbegreiflich, wie man damit überleben kann. Es fehlt am nötigsten. An Nahrungsmittel, an Medizin oder gar Bekleidung zu kommen, ist äußerst schwierig für die Kubaner. Natürlich habe ich als Besucher in der kurzen Zeit mit relativ wenig Freizeit keinen Einblick gewinnen können, wie die Kubaner diese Probleme tatsächlich meistern. Nachbarschaftshilfe wird groß geschrieben. Sie helfen sich gegenseitig, sie tauschen, sie organisieren sich irgendwie. Sie überleben irgendwie. Und das mit einer Lebensfreude trotz all dieser Probleme, die dem verwöhnten Zentraleuropäer die Schamesröte ins Gesicht treiben kann, wenn er an die eigenen vergleichsweise banalen Sorgen und Nöte denkt, die im Vergleich zu dem, was die Kubaner durchmachen, so nichtig sind. Höhepunkt des Kontrastes zwischen der Welt hier und dort war für mich, als ich im Hotel den Fernseher einschaltete und auf der Deutschen Welle die Sendung von Maybritt Illner ausgestrahlte wurde mit dem Titel «Alles wird teurer – Wer kann sich das Leben noch leisten?». Ohne Kommentar.

Kubaner im Schatten an der Plaza de la Catedral

Eine traurige Begebenheit möchte ich noch erzählen, die auch die Willkür der Autoritäten in der karibischen Diktatur – denn nichts anderes ist Kuba – belegt: Dem Taxifahrer, mit dem ich einmal zwischen Altstadt und meinen Hotel unterwegs war, wurde kurz vor Ende der Fahrt von der Polizei seine Lizenz weggenommen, weil er angeblich bei Rot über die Ampel gefahren sei. Dem war aber nicht so, was ich bezeugen konnte. Der Fahrer wurde angehalten, musste aussteigen und debattierte wild mit den beiden Polizisten, die offensichtlich stur behaupteten, er sei bei Rot über die Ampel gefahren. Eine reine Schikane. Ich saß derweil ich Wagen und überlegte, ob es klug sei, auszusteigen und dem Fahrer beizuhalten und auch der Polizei gegenüber auszusagen, die Ampel sei gelb, aber nicht rot gewesen. Immerhin wären wir dann zwei gegen zwei gewesen. Ich überlegte auch, mich den Polizisten gegenüber vielleicht ein bisschen wichtig zu machen und zu so etwas zu sagen wie, dass ich erstaunt sei als Gast des kubanischen Bildungsministeriums und Teilnehmer eines Internationalen Kongresses auf der Insel feststellen zu müssen, mit welcher Willkür hier gegen unschuldige Bürger des Landes vorgegangen werde. Ich hielt mich nach kurzer Überlegung jedoch zurück. Alle haben mir danach bestätigt, dass ich mich richtig verhalten habe. Ich hätte dem Taxifahrer damit keinesfalls helfen können, ganz im Gegenteil. Es erfüllte mich mit großer Traurigkeit die Worte des Taxifahrers danach zu hören, der sichtlich blass in den Wagen zurückkam. Auf die Situation angesprochen, meinte er:

Vivimos en un país con muchos problemas, donde esto te puede pasar cada día. (Zu deutsch: Wir leben in einem Land mit vielen Problemen, wo dir so etwas jeden Tag passieren kann.)

Ich bot dem Taxifahrer, der die Fahrt noch zu Ende bringen durfte und dem von den Polizisten auferlegt wurde, er solle sich telefonisch zwecks Rückerhalt der Lizenz melden, im Anschluss an, dass er mich jederzeit über das Hotel, in dem er mich absetzte, erreichen könne, falls er doch noch einen Zeugen in der Sache brauche. Ich sagte ihm zu, ich wäre gerne bereit, ihn zu unterstützen und gab ihm meine Karte. Er hat sich jedoch nicht mehr gemeldet. Wahrscheinlich war ein Bussgeld fällig und er bekam seine Lizenz wieder zurück. Oder er kannte jemanden, der ihm über Beziehungen wieder helfen konnte. Der Ertrag der Fahrt war jedoch sicherlich so oder so für ihn dahin.

Calle Línea im Stadtteil Vedado

Wieweit die kleinen, aktuellen Reformen das Leben der Kubaner verbessern können, ist schwer zu sagen. Die Minireformen von Fidel Castros jüngerem Bruder Raúl Castro (der in einem Monat 77 Jahre alt wird) haben natürlich oft nur symbolische Bedeutung. Oder sie sind der hilflose Versuch, Umstände zu legalisieren, die auf dem Schwarzmarkt bzw. unter der Hand eh schon realisiert wurden: Besitz von Handys, Computern, Hotelbesuche nun auch für Kubaner erlaubt. Ein Unding, dass das vorher verboten war. Siehe dazu auch den Artikel im Tagesspiegel aus der Vorwoche: «Der etwas andere Sozialismus». Heiß diskutiert wird im Land die Möglichkeit, dass Kubaner bald ausreisen dürfen. Bisher nur ein Gerücht, aber auch eines, das man auf der Insel kennt und worüber man diskutiert. Natürlich gibt es Hoffnungen. Doch eine Sache werden die Freiheiten sein, ein andere die materielle Voraussetzung, diese auch umzusetzen.

Und wie die kubanische Regierung mit dem Internet umgeht, habe ich ja neulich schon im ciberaBlog vorgestellt: Unbeliebte Meinungen begegnet man kurzerhand mit einer IP-Sperre, wie der erfolgreichen Bloggerin Yoani Sánchez geschehen, die in ihrem Blog offen die Probleme des Landes anspricht und seit ein paar Wochen auf der Insel nicht mehr gelesen werden kann. Da hab ich dann gleich wieder die Worte des Taxifahrers im Ohr: «Vivimos en un país con muchos problemas». Kuba – ein Land mit vielen Problemen. Aber zugleich ein unheimlich schönes Land, davon später mehr.

10 Gedanken zu “Kuba – ein schönes Land mit vielen Problemen

  1. Danke schon mal für diese ersten Eindrücke … mit dem ersten ausgedrücktem ähm ausgebloggten Eindruck liegt man oft nicht sehr daneben. Wahrscheinlich hast Du nach der 80/20 Regel das Wesentliche getroffen, das Zitat des Taxifahrers bietet dann wohl schon “Cuba in a nutshell”. Freue mich auf mehr erste Eindrücke 😉

  2. Deine Eindrücke decken sich aber durchaus mit den Eindrücken von anderen Kuba-Besuchern – es ist gleichzeitig ein Wunder und ein Jammer, wie das Leben dort funktioniert.

  3. Ja, Matthias, und genau das hätte ich natürlich auch gern ein bisschen besser verstanden, wie das funktioniert. Dazu muss man aber sicher länger im Land sein und auch einen direkten, unverfälschten Kontakt bekommen, den ich im Kurzaufenthalt leider nicht bekommen konnte.

  4. Wie ein Blick über den eigenen Tellerrand doch so manchen mal ein wenig klarer machen könnte, wie gut es ihm eigentlich geht.
    Aber seltsamerweise, gerade die Deutschen reisen ja soviel, schaffen es die meisten ganz gut, das gar nicht zu bemerken.

    Schade!

  5. Ach ja, Kuba … ich weiß es wirklich nicht, was für diese Insel am besten wäre. Politisch und automobiliar scheint es so, als sei es ein Relikt aus den frühen Sechzigern des letzten Jahrhunderts. Es wäre schön, wenn sich eine Perspektive auftäte, die die Veränderungen der letzten vierzig Jahre berücksichtigen würde und den Menschen dort eine bessere Zukunft brächte. Den ersten Schritt sehe ich dabei zuerst bei den USA. Kuba ist bei weitem keine Bedrohung mehr und die Einführung einer freien Demokratie als Ziel der US-amerikanischen Außenpolitik ist doch ein Treppenwitz, über den schon lange niemand mehr lacht.

  6. Ja, Obama könnte hier auch eine Chance für den Dialog mit Kuba sein. Zumindest hat er angekündigt, in diesen Dialog zu treten, wen er gewählt werden würde. Es muss sich was ändern in Kuba, so oder so. Es wird sich auch was ändern. Man kann nur hoffen ,dass die Bevölkerung der Insel nicht mehr allzu lange darauf warten muss.

  7. Durch einen kurzen Bericht im Tagesspiegel vor ein paar Tagen bin ich wieder auf Yoani Sánchez gestoßen. Ihr Blog (http://www.desdecuba.com) ist wirklich lesenswert!

    Zum Glück gibt es das Ganze für Leser wie mich, deren Spanisch für längere Texte nicht ausreicht, auch auf deutsch …

  8. Unfassbar auch die Anzahl der Kommentare, die Yoani mittlerweile bekommt (darunter auch die von Kuba angesetzten Kontra-Kommentartoren, die nicht nur Yoani diffamieren, sondern auch die Pro-Kommentatoren angreifen, was mir dort selbst auch schon passiert ist). Ein paar Tausend Kommentare pro Artikel sind mittlerweile Standard. Das kann natürlich kein Mensch mehr lesen.

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