Geniale FC St.Pauli-Auswärtsfahrt nach Hannover

Der traditionelle Kreis des FC St. Pauli nach dem Spiel
Unser Blick auf das Spielfeld: Kreis der Kiezkicker nach Abpfiff.

Ich werde noch zum standardmäßigen Auswärtsfahrer. Gestern war bereits mein 3. Auswärtsspiel (in dieser Saison und überhaupt) auf das ich den magischen FC St. Pauli, Hamburgs sympathischsten Fußballclub, begleitet habe. Und was soll ich sagen? Es war großartig.

Dass ich dort war, habe ich Herrn Foxxibaer zu verdanken. Seine Lastminute-Nachfrage, ob wir noch Karten haben wollen, an die er im letzten Moment noch gekommen war (das Match war längstens ausverkauft) haben Herr Sparschaeler und ich positiv beantwortet. Die Zugfahrt gestern Nachmittag von HH nach H gestaltete sich ein bisschen kompliziert. Ich fuhr mit Herrn Sparschaeler, doch da unsere Entscheidung nach Hannover zu fahren sehr kurzfristig kam, konnten wir keine Plätze mehr reservieren. Zug rappelvoll, eine Art St.-Pauli-Nord-Express mit zahlreichen Menschen – so auch wir – auf dem Boden sitzend. Die Stimmung im Zug war trotz der dicht gedrängten Menschenmenge gut. 90 Minuten, die Dauer eines Fußballmatches quasi, sind ja so auch durchaus auszuhalten. Neben netten Gesprächen mit Mitreisenden haben zwei sehr unterschiedliche Menschen diese Zugfahrt geprägt (nein, damit meine ich nicht Herrn Sparschaeler und mich).

Person Nr. Eins: Eine wahrhaft wirsche Zugbegleiterin drängte sich – ohne die Fahrscheine zu kontrollieren – durch die Menge und forderte angesichts der Ansammlung von Mensch & Gepäck mit harschen Worten: «Die Notausgänge müssen frei bleiben!». Auf unsere zögerliche Antwort, wo wir denn bitte schön hin sollten, wo doch der Zug restlos überfüllt war, blaffte sie uns an: «Was kann ich denn dafür, wenn sie alle am Wochenende hin- und herfahren?». Diese Frau meinte das nicht ironisch, sondern so, wie sie es sagte. Da saßen wir mit offenem Mund und großen Augen, wir Am-Wochenende-sinnlos-Hin-und-Herfahrer. Soviel zum Thema Kundenservice bei der Deutschen Bahn.

Doch zur Ehrenrettung der Bahn und zur Belustigung der mitfahrenden Passagiere betrat wenig später Person Nr. Zwei die dicht gedrängte Bühne. Eine richtige Frohnatur, so eine Mischung aus Heinz Erhardt und Denis Scheck. Bestens gelaunt unterhielt er sich kurz mit uns (über Fußball, klar, und uns ein schönes Spiel wünschend) und leitete dann das Gespräch in Richtung Amtsgeschäfte über: «So, nun zeigt mir mal, ob ihr auch Fahrscheine habt». Selbige ihm vorgezeigt interessierten sie ihn aber kaum, nach mehr als flüchtigem Blick (ohne jedes Interesse für die brav hingehaltenen Bahncards) drückte er lässig seine Zange in unsere Tickets. Ich dachte, jetzt sprichst du ihn mal auf die Kollegin an. Lobte ihn, dass die Bahn uns heute trefflich vorführte, dass das Servicepersonal doch sehr unterschiedlich sei und berichtete von Person Nr. Eins. Unfassbar großartig nun seine Reaktion: «Ach, die Kampfmaschine aus Hannover? Die gehört eingesperrt.». Ich dachte nur: Respekt. Würde ich mich nicht trauen, wenn ich von Kunden der Bibliothek auf unfreundliches Verhalten von Kollegen gegenüber Lesern angesprochen würde (abgesehen davon haben wir in der Stabi auch gar keine unfreundlichen Mitarbeiter). Also der Kerl war wirklich gut drauf. Brachte einen Joke nach dem anderen. Reichte zum Beispiel seine Kontrallzange mit folgenden Worten an die nächsten Reisenden: «Gebt mal die Zange durch, ich hab gerade ’nen Burn-Out». Ich sag nur: nehmt den Mann aus dem Zug und gebt ihm eine Comedy-Show. Oder filmt ihn bei seiner Arbeit. Großes Zugkino. Wenn ich wüsste, welche Züge der begleitet, würde ich danach meine Auswahl richten.

Zum Spiel bleibt nicht mehr viel zu sagen: Es war großartig. Wir hatten einen genialen Blick vom W13-Block (und nicht Blog, wie versehentlich in einer Art deformation professionelle getwittert). Die Hannoveraner waren schwach. Das bezieht sich auf die Fans und auf die Mannschaft. Frühe Führung für uns in der 6. Minute mit dem von Kruse und Oczipka genialst vorbereiteten Kopfball von Ebbers. Ganz wichtig, dass der Knoten bei Marius geplatzt ist. Das war sein erstes Bundesliga- und Saisontor. Weitere, wichtige werden folgen. Tja, und die Fans? Herr Sparschaeler und ich saßen umringt von Hannoveranern und es war doch sehr still (auch schon vor dem Tor). Ganz anders die Fans des FC St. Pauli. Support vom Feinsten. Fast durchgehend lautstark sich durchsetzend gegen die numerische Überzahl der Gastgeber.

Ein jugendlicher H96-Fan, der in Vereinsfarben geschmückt und aufgeregt neben mir saß, aber keine Anstalten machte, seinen Verein zu unterstützen, antwortete mir auf meine Nachfrage, wieso sie alle so still seien: «Wir werden immer erst laut, wenn die Mannschaft führt.» Aha. Zu dieser Führung, noch nicht mal zum Ausgleich, kam es bekanntlich nicht. Wegen fehlendem Fansupport (trotz mit fast 50.000 Zuschauern erstmals in dieser Saison ausverkaufter Hütte) und vor allem wegen einer von Stani kompakt aufgestellten und eingestimmten Hamburger Mannschaft. In der Defensive stimmte bei uns fast alles. Zambrano wieder mal mit zahlreichen abgefuckten Szenen. War ’ne wahre Freude anzusehen. Kritisch anzumerken bleibt, dass im Spiel nach vorne zu viele Chancen ungenutzt blieben bzw. nicht mit der letzten Vehemenz nach vorne gespielt wurde. Gegen so eine Mannschaft, wie H96 gestern Abend, muss mehr raus springen als ein nachhause gezittertes 0:1. Stani wird das den Jungs schon erzählen. Hut ab vor der Art und Weise wie sich der FC St. Pauli in der Bundesliga überraschenderweise vor allem auswärts behauptet. Ich zitiere aus dem Spielbericht auf Spox:

Nicht umsonst sind die Hamburger zusammen mit Mainz und Dortmund das auswärtsstärkste Team der Liga.

FC St. Pauli bedankt sich bei den Fans
Nach dem Spiel kamen die Jungs noch in die Gästekurve und holten sich ihren – selbstverständlich auch von uns im Nachbarblock West gespendeten – verdienten Applaus ab.

Nach dem Spiel trafen wir uns noch auf ein Feierbier mit den Kartenorganisatoren Foxxibaer und Christian, sowie mit Herrn Curi0us und Begleitung (Gruppenfoto für die Beteiligten gibt’s auf Anfrage), um dann um Mitternacht den Zug nach hause zu nehmen. Von der, was die Mitpassagiere anbelangt sehr freudetrunkenen, Rückfahrt im Zug gäbe es auch Einiges zu erzählen. Doch über das, was wir da im Zug erlebten, hülle ich lieber den Mantel des betroffenen Schweigens. Manche Menschen sollten in der Öffentlichkeit besser keinen Alkohol zu sich nehmen (oder zumindest nicht mehr als sie vertragen). Da tun sich Abgründe auf, die mein positives Gemüt zu sehr belasten, als dass ich das noch hier schildern möchte.

Es war jedenfalls wieder mal eine ganz und gar großartige Auswärtsfahrt. Was den FC St. Pauli anbelangt, erst die dritte meines Lebens. Und nach dem Magischen Auftakt beim Auswärtssieg des FC St. Pauli in Freiburg die zweite mit drei Punkten im Rückreisegepäck. Wie gesagt: Ich werde noch zum standardmäßigen Auswärtsfahrer. 😉

20 Gedanken zu “Geniale FC St.Pauli-Auswärtsfahrt nach Hannover

  1. es freut mich dass sie die rückfahrt nicht näher beschrieben haben,die skandalösen gesänge auf unterstem niveau sind eine ohrfeige für fans des fcsp. aber so richtig trüben konnte das traurige erlebnis meine freude dann doch nicht.
    mit dem mobilen alleinunterhalter, dem guten spiel und fairen heimfans war das eine rundum gelungene auswärtsfahrt.

  2. @sparschaeler: Gut, dass Sie noch die fairen Fans erwähnen. Ich hatte nur vom mangelnden Support ihrer eigenen Mannschaft berichtet. Aber, dass viele uns im Anschluss aufrichtig zum verdienten Sieg gratulierten, war eine faire Geste.

  3. Sie werden ja wirklich noch zum Allesfahrer! 🙂
    Habe schon die Details der Auswärtsfahrt erfahren, inklusive der skurrilen Zugerlebnisse.

    Natürlich wäre ich gerne dabei gewesen, aber wer hätte dann die Hühnersuppe essen sollen?

  4. @Jekylla: Das war eine gute Aufgabenverteilung, obwohl wir Sie natürlich gern dabei gehabt hätten.

  5. Die nächsten Wochen wird es terminlich schwer, ich visiere zunächst mal das Nürnberg-Spiel an und S04 auswärts und dann kommt erst mal länger nichts 🙁

  6. @Jekylla: Schade. Aber Sie müssen natürlich auch Präferenzen setzen. Und Hühnersuppe essen, wo immer der Heimsupport gefordert ist.

  7. Die DB achtet in letzter Zeit verstärkt darauf, dass die Notausgänge frei bleiben, damit im Notfall der Zug schnell geräumt werden kann. Letztendlich hat die Dame nur ihren Job getan. Wenn der Notausgang nicht frei bleiben kann, dann hätten einige Reisende aussteigen müssen. Zur Not hätte der Zug sogar einen Zusatzhalt einlegen müssen, damit die Sicherheit an Bord gewährleistet bleibt.

  8. Es gibt auch bei Zügen eine maximal zulässige Anzahl an Beförderungsfällen. Mehr darf die Bahn eigentlich nicht mitnehmen.

  9. Das ist korrekt und ich denke, die wurde auch im Zug nicht überschritten. Wir hatten es uns nur auf dem Boden einigermaßen gemütlich gemacht. Das war das, was die stursinnige Dame mit den unverschämten Kommentaren nicht verstehen wollte.

  10. Herrliche Beschreibung der Situation im Zug. Es gibt leider sehr unterschiedliche Kontrolleure der Deutschen Bahn. Ich erinnere mich noch daran, wie zu Schüler-Ferien-Ticket-Zeiten jeden Tag die gleiche Kontrolleurin vor allem dann Vierzehnjährige aufschrieb, weil sie die Karte nicht komplett ausgefüllt hatten etc.

  11. @Carsten: Ja, solche Fälle gibt es leider immer wieder. Wie oben geschrieben, haben wir in einer Fahrt zum Glück auch den positiven Fall von Kundenservice, und damit die ganze Bandbreite der Möglichkeiten des Bahnpersonals, erfahren. 😉

  12. Glückwunsch zum verdienten Sieg und zur komfortablen Lage in der Gesamttabelle! Da kann ein FC Bayern zur Zeit nur davon träumen ;-).

    Ich bedauere natürlich, dass die peinliche Rückfahrt nicht detaillierter von dir geschildert wurde. Peinlichkeiten sind doch das Salz in jedem Bericht. Aber ich kann es natürlich nachvollziehen, dass du dir das an dieser Stelle erspart hast.

    Großartig auch die volle Bandbreite an unterschiedlichem Personal, das die Bahn euch in so kurzer Zeit geboten hat. Bisher dachte ich ja, so was bringt nur die Berliner BVG, die mich gestern wieder erfreute …

  13. @Elke: Tja, die Bayern sind zur Zeit die Mannschaft in der Bundesliga mit den wenigsten Toren. Ganze 5 Treffer haben sie in 7 Spielen erzielt. Und die Peinlichkeiten habe ich nicht mir erspart, sondern Euch. Das möchtest Du gar nicht wissen, was wir da gesehen haben. 😉

  14. Die Deutsche Bahn ist schon so ein Unternehmen für sich. Ich habe bis jetzt leider nur völlig entnervte Kontrolleure angetroffen, die mich kurz und knapp um mein Ticket baten und sich dann vom Acker gemachte haben.
    Dieses seltene Glückerlebnis solltest du denn auch im Gedächtnis behalten und vielleicht mal einen Brief an die Bahn schreiben, wie sehr du dich über den besagten Kontrolleur gefreut hast. Wäre für die Deutsche Bahn auf jeden Fall mal eine Abwechslung neben all den Beschwerdebriefen.
    Es lebe die Zugfahrt! 😉

  15. Wie konnte ich nur diesen schönen Eintrag hier übersehen? Dafür habe ich den Bericht umso mehr genossen. Sehr lebendig und detailiert – und auch das Auslassen der Erlebnisse der Rückfahrt reicht aus, um Bilder im Kopf entstehen zu lassen, die man ja im Laufe des Lebens schonmal ähnlich erleben mußte (vermute ich hier mal).

    Die Hinfahrtanekdote erinnert mich an meine Bahnfahrzeiten, als es noch das Tramperticket gab. Man kann da schon auf einer einzigen Tour die unterschiedlichsten Erfahrungen sammeln. ^^

  16. @kleinertod: Danke für Lob & Verlinkung. Was die Rückfahrt anbelangt: Deine Bilder im Kopf kommen dem, was wir sahen, wahrscheinlich ziemlich nah.

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