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Zur Bedeutung von Filmblogs und der Ignoranz eines Josef Schnelle

von Markus — 18.08.2008, 02:42 Uhr · 18 Kommentare

Da hat jemand mit einem ganz offensichtlichen Mitteilungsdrang seinem Namen alle Ehre gemacht und auf die Schnelle was über Filmkritik in Blogs geschrieben. Josef Schnelle heißt der Ignorant, veröffentlicht hat seinen Textausfluß die Berliner Zeitung:
Warum wir Filmkritik brauchen – Die Internet-Blogs zersetzen das informierte und unabhängige Urteil.

An der Kontroverse Blogs vs. Journalismus mag ich mich ja gar nicht beteiligen, die langweilt mich nur noch. Aber wenn jemand so viel dummes Zeug schreibt wie Josef Schnelle (Was bitteschön sind Internet-Blogs? Gibt es auch noch lokale, nicht im Netz zugängliche Blogs?) platzt mir echt der Kragen. Das von ihm gebrauchte Wort zersetzen stammt dazu noch aus der Begriffsschatulle der Nazis und sollte unbedacht nicht eingesetzt werden. Inhaltlich haben ansonsten Thomas Groh im Filmtagebuch (Die Filmkritik braucht Blogs):

Das Bild, das Schnelle zeichnet, könnte verzerrter, falscher nicht sein. Es sagt nichts aus über den wirklichen state of the art der Film-Netzkultur, wohl aber viel über Schnelles mangelnde Befähigung, sich dem noch immer frischen Medium Internet zu nähern. Das Internet ist seinem Wesen nach ausufernd, weitläufig und differenziert sich rapide immer weiter aus. Eine pauschale Zuspitzung wie die Schnelles ist schon deshalb nicht zulässig: Das Internet ist seiner Tendenz nach nicht homogenisierend, wie es auch keine glasklare Repräsentation desselben gibt: Das Internet als Angebotstätte von Inhalten ist nicht einfach etwas, das in seinen Bestandteilen ganz einfach vor einem liegt (etwa wie die Zeitung auf dem Frühstückstisch), sondern ist in diesem Punkt immer vor allem das, was sich der jeweilige Nutzer, im Sinne eines Navigators, daraus er-fährt.

und Ekkehard Knörer (Die Filmkritik überlebt im Netz) im Perlentaucher alles Notwendige dazu entgegnet:

Was für ein paranoides Szenario. In den USA zeigt sich, dass das glatte Gegenteil der Fall ist: Die Blogger sind längst da, wo sich die Print-Kritik den Platz, die Zeit und die Radikalität nicht mehr leisten will oder kann oder darf, die es für eine gründliche Auseinandersetzung so unabdingbar braucht.

Kategorien: Artikel · Kino

18 Antworten bis jetzt ↓

  • 1.

    Faustus sagt am 18.08.2008 um 09:26 Uhr: Gravatar

    Ich muss immer an die Diskussion denken, die auf Erfindung des Buchdrucks folgte und in der die eine Hälfte der Gelehrten die Angst vor dem Datenmüll nährte, die andere hingegen Bücher lieben lernte. Wir alle wissen, dass 90% aller Bücher Mist sind. Na und? Die übrigen 10 % haben die Welt gerettet. Im Netz ist es im Endeffekt das gleiche. Und der Artikel erinnert extrem an diese weinerlichen Datenmüllgelehrten. Vieles ist nicht mal dumm. Aber wenn er immer mit diesem Profi-Vs.-Amateur-Gerede kommt wächst mir echt ein Glastisch.
    (Und die Nazikeule würde ich jetzt nicht unbedingt gleich über Zersetzen schwingen.)

  • 2.

    Markus sagt am 18.08.2008 um 09:48 Uhr: Gravatar

    Faustus: Genau meine Rede (Vergleich Buchdruck). Jeder mediale Umbruch hat immer die schlimmsten Befürchtungen generiert, die sich am Ende nie bewahrheitet haben.

    Letzte Woche habe ich mich genauso über Heribert Prantl (SZ) geärgert, der immer wieder – in Analogie zu Schnelles Unkenntnis der Strukturen des Netzes – sein Menetekel der “Enteignungsmaschinerie des Internets” anbringt: Ein Auszug aus Prantls im Juni gehaltener VG-Wort-Festrede ist nun in der August-Ausgabe von Forschung und Lehre abgedruckt worden. Zu Prantls Fehleinschätzung zum Urheberrecht im Internet siehe auch Netzpolitik und Microinformation.

    Ich bleibe dabei, die Verwendung des historisch arg belasteten Begriffes zersetzen durch Schnelle zu kritisieren. Nicht nur die Nazis haben diesen Begriff verwandt, auch die Staatssicherheit der DDR, ja und auch die “Sicherheitskräfte” der ehemaligen BRD. Aber ich räume gerne ein, dass dieser linguistische Fauxpas im Gegensatz zum unsäglichen inhaltlichen Humbug des Gegen-das-Internet-Anschreibens von Josef Schnelle das geringere Übel ist.

  • 3.

    Faustus sagt am 18.08.2008 um 10:16 Uhr: Gravatar

    Ich hatte mal ein Poster gesehen, auf dem Sätze aus der Zeit nach dem Buchdruck und aus unserer Zeit gegenübergestellt, aber auch vermischt waren. War schon sehr unterhaltsam… :-)

  • 4.

    truetigger sagt am 18.08.2008 um 11:32 Uhr: Gravatar

    Gerade hatte ich mit einem Monat Verspätung das Thema Blog vs. Journalismus aufgegriffen, da zeigen die Profi-Journalisten, dass sie NOCH länger brauchen :)

    Der Beitrag von Hr. Schnell ist durch blanke Panik gekennzeichnet – und dies nicht zu unrecht, denn Arbeitsplätze wie seiner WACKELN. Klassische Zeitungen verlieren seit Jahren an Boden, also stehen Einsparungen auf dem Programm. Und die Kinowelt lebt eh vom Mainstream (ja, es *gibt* noch Programmkinos sowie den ein oder anderen wirklich guten Hollywood-Film, das große Geld macht man aber mit anspruchsloser Unterhaltung), so dass hochkarätige “intellektuelle” Filmbesprechungen ein wenig Perlen vor die Säue sind – aus ökonomischen Gründen würd ich als Zeitungsverleger SOFORT mit Kinokritikern anfangen, wenn ich Stellen abbauen müsst.

    Was mich aber am Artikel der Berliner Zeitung stört ist der Grundtenor, die Blog-Amateure würden nur Schwachsinn schreiben. Wenn ich mich heut über einen Film informieren will, finde ich sehr wohl gute Infos im Netz, die locker die Qualität der Berliner Zeitung erreichen – allein Suchsbaum von Telepolis ist berühmt/berüchtigt, aber auch IMDB und Wikipedia (ja, auch dort sind teils gute Infos zu Filmen, auch wenn die Wiki vor kurzem gerade da Prügel bezogen hatte). Zusätzlich werden in Blogs auch Filme angerissen, die ich bis dato nicht im Visier hatte, die durch den Blog-Eintrag aber spannend werden.

    Herr Schnelle: Sie haben sich auf den falschen Feind eingeschossen und verkennen die Situation gründlich. Und so schlecht, wie der Spiegel über Blogs herzieht, sind diese auch nicht. Willkommen in der Wirklichkeit, Prinzessin! [aus Spaceballs]

  • 5.

    Markus sagt am 18.08.2008 um 13:25 Uhr: Gravatar

    @truetigger: Klasse Kommentar, danke!

  • 6.

    Curi0us sagt am 18.08.2008 um 14:20 Uhr: Gravatar

    Beherrsche mich gerade mühsam, mich nicht noch mehr aufzuregen. Der Herr Schnelle hat mich grad wirklich genervt.

    Anyway sind seine Aussagen leicht absurd. Gerade das Internet bietet doch die Möglichkeit auch kleine Nischen zu bedienen. Gerade dank des Internets gibt es die Möglichkeit sich über besondere Filme zu informieren, die nicht mal in der Nähe laufen.

    Undwas er zur Meinungsbildung schreibt und dann andersherum behauptet, dass ja die Kritik in den Printmedien so überhaupt nicht subjektiv sei ist nachgerade absurd.

    Aber ich reg’ mich ja nicht auf.

  • 7.

    Markus sagt am 18.08.2008 um 14:38 Uhr: Gravatar

    @Curi0us: Deine Reaktion bringt es eigentlich auf den Punkt, man möchte sich nicht aufregen, muss es aber doch irgendwie, bei so viel Ignoranz.

    Was mich bei den gegen das Netz anschreibenden Menschen wie Schnelle und Prantl ärgert (aus welchen Gründen sie es auch immer tun): Viele Journalisten werden von Sich-Informierenwollenden zunächst als objektive Instanz angesehen: Das heißt, Personen aus den alten Medien haben in weiten Teilen der Bevölkerung (noch) einen besseren Stand als die vom Internet Begeisterten. Und somit fühlen sich diejenigen Ratsuchenden, die im Internet nur das Chaos, das Böse, das Unseriöse sehen (wollen), eben bestätigt: «Internet ist bäh, brach’ ich mir nicht anzutun».

    Doch das Gute an der Geschichte und trotz aller durchaus auch sinnvollen kritischen Sicht auf das Netz: Auf Dauer hat noch jede/r , der oder die sich vernünftig mit dem Internet beschäftigt, dessen offensichtliche Vorzüge entdeckt. Das werden auch die medial Gestrigen nicht aufhalten können. ;-)

  • 8.

    r|ob sagt am 18.08.2008 um 17:18 Uhr: Gravatar

    Ich glaube, dass einzige, was sich zersetzt hat, ist das Hirn des Verfassers … und zwar ganz “Schnelle” …

  • 9.

    Markus sagt am 18.08.2008 um 18:07 Uhr: Gravatar

    Ja, Herr R|ob, zwischen den Zeilen liest man die pure Angst heraus, so dass er einem, wenn er nicht so einen hanebüchenen Unsinn schreiben würde, beinahe Leid tun könnte.

  • 10.

    Carsten sagt am 18.08.2008 um 19:01 Uhr: Gravatar

    Bei dem Artikel musste ich eher dran denken, wie oft ich mich schon geärgert hab, weil von der Kritik in den siebten Himmel gelobte Filme im Endeffekt zu verlorener Lebenszeit wurden. Nicht unbedingt, weil der Film zu anspruchsvoll gewesen wäre, sondern eher weil man auch aus dem letzten Stück Sinnlosigkeit noch irgendeine Absicht des Regisseurs herauslesen wollte. Zuletzt war das bei mir “Funny Games” (dem Original).

  • 11.

    der toby sagt am 19.08.2008 um 22:11 Uhr: Gravatar

    Auch bei den Fünf Filmfreunden wird der Artikel heftig diskutiert. Ich persönlich schreibe keine echten Kritiken von Filmen, sondern notiere eher meine subjektiven Eindrücke meist mehr die Empfindungen, die der Film auslöste oder einige mir bemerkenswert erscheinende Aspekte. Das sind aber alles eher Notizen, die ich mir mache um das mir wichtige nicht zu vergessen. Das Ranking, die Highscore, haben Journalisten selbst erfunden. Wieso sollte man [es] den Blogs infolgedessen vorwerfen können?
    Schreibt Herr Schnelle selbst Kinokritiken?

  • 12.

    der toby sagt am 19.08.2008 um 22:12 Uhr: Gravatar

    Da fehlt ein “es”. :-)

  • 13.

    Markus sagt am 19.08.2008 um 22:17 Uhr: Gravatar

    @der toby: Das fehlende “es” hab ich oben eingesetzt. Und ja, Dr. Josef Schnelle ist Filmkritiker.

  • 14.

    Rauhe Sitten » Blog Archive » Ich bin schuld und ausserdem verantwortungslos und meinungsschwach sagt am 20.08.2008 um 09:03 Uhr: Gravatar

    [...] gefunden bei Basic ThinkingAndere Reaktionen z.B.: moviepilot, textundblog [...]

  • 15.

    Carsten sagt am 21.08.2008 um 15:10 Uhr: Gravatar

    Gestern fand der Artikel auch in der taz Erwähnung. Da war der Standpunkt ähnlich wie bei anderen Internet-Streitfragen: es ist sicherlich vieles schlecht, aber einiges richtig gut und wird sich auch weiterentwickeln.

  • 16.

    Markus sagt am 21.08.2008 um 15:12 Uhr: Gravatar

    @Carsten: Ja, den Taz-Artikel hab ich gestern auch gelesen und hatte ihn auch in meine Wong-Roll (s. rechts in der Sidebar) aufgenommen.

  • 17.

    Carsten sagt am 21.08.2008 um 15:23 Uhr: Gravatar

    Oh, hatte ich nicht gesehen, weil ich den Artikel “offline” gelesen habe ;-)

  • 18.

    Markus sagt am 21.08.2008 um 15:25 Uhr: Gravatar

    ;-))

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