Festivalbericht San Sebastian 2019

Drei Wochen nach Rückkehr aus San Sebastián kommt nun endlich mein Festivalbericht. So lange habe ich noch nie gebraucht, doch nun bin ich endlich dazu gekommen, die für mich 10 besten Filme des Festivals vorzustellen.

In meinem Jubiläumsaufenthalt in San Sebastián – ich war, wie berichtet, zum 25. Mal in Folge dort – habe ich in neun Tagen 50 Filme gesehen. Es war erneut ein gutes Festival, unter anderem mit einer großartigen Retro zu dem mexikanischen Regisseur Roberto Gavaldón, gut zusammengefasst im Filmdienst: “Morde, Märchen und mutige Frauen“. Ich finde es toll, dass man in Donostia immer auch einen gut kuratierten Blick in die Filmgeschichte wirft. Doch nun zu den aktuellen Flmen, wie immer verlinkt der Titel auf die Filmbeschreibung des Festivals:

1. Mientras dure la guerra

Von Alejandro Amenábar, Spanien 2019

Alejandro Amenábar hat endlich wieder einen Film gedreht. Er läßt sich immer Zeit für seine Filme, weil er sie akribisch vorbereitet. Hier geht es um die Haltung des Schriftstellers Miguel de Unamuno zu beiden Lagern des Spanischen Bürgerkriegs. Obwohl er den Aufstand der Republikaner im Juli 1936 unterstützt hatte, suchte er die Nähe zu Franco und seiner Frau Carmen Polo. Ich habe im Hispanistik-Studium die widersprüchlich wirkende Haltung Miguel de Unamunos zum Franquismus nie so recht verstanden. “Mientras dure la guerra” hat diese Lücke für mich glaubhaft geschlossen.

Wer spanisch kann und mehr erfahren mag über Alejandro Amenábars Absicht diesen Film zu machen, kann dieses interessante Interview auf Libertad Digital lesen bzw. hören (Dauer: 25 Minuten).

2. La Trinchera Infinita

Von Aitor Arregi, Jon Garaño und Jose Mari Goenaga, Spanien 2019

“La Trinchera Infinita” (zu deutsch: “Der unendliche Graben”) schließt eine weitere Lücke in der Betrachtung der spanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Er handelt von einem Unterstützer der Republikaner, der sich von 1936 bis 1969 33 Jahre in einem Loch im eigenen Haus versteckt hatte. Kein Einzelfall in der spanischen Geschichte. Zurecht ausgezeichnet auf dem Festival mit dem Preis für den besten Film und für das beste Drehbuch. In der Hauptrolle einer der zur Zeit besten spanischen Schauspieler: Antonio de la Torre.

3. Mano de Obra

Von David Zonana, Mexiko 2019

Da ich auf den Festivals immer versuche, so viel wie mögliche spanischsprachige Filme zu schauen, ist die Anzahl der hispanistischen Filme in meiner Top 10 meist relativ hoch. Mit “Mano de Obra” (zu deutsch: “Arbeitskräfte”) hat es ein mexikanischer Film in die Auswahl der besten zehn Streifen geschafft. Eine Gruppe mexikanischer Maurer übernimmt – beinahe im Stil der Obdachlosen in Buñuels “Viridiana” – das Haus eines reiches Bauherren, der zuvor den tödlichen Arbeitsunfall ihres Kollegen und Bruder des Protagonisten, als dessen eigene Schuld hinstellt. Sozialer Sprengstoff und – ohne zuviel zu evrraten – ein Ende, dass auf desilussionierende Weise deutlich macht, das niemand vor der Korruption der Macht gefeit ist. Beachlicher Debutfilm von David Zonana.

4. Les Misérables

Von Ladj Ly, Frankreich 2019

Sozialen Sprengstoff liefert auch der französische Film “Les Misérables”. Nicht nur Victor Hugo lässt grüßen, auch Mathieu Kassovitz’ “La Haine”. Gewalt in der Banlieu. Nicht nur von den Einwohnern geht sie aus, sondern oft auch von der Polizei. “Les Misérables” zeigt die Eskalation der Gewalt und tariert – anhand der Figur des neu in die Banlieu versetzten Polizisten Stéphane Ruiz – die Möglichkeit der Deeskalation durch Dialog aus.

5. Monos

Von Alejandro Landes, Kolumbien 2019

Gewalt zog sich durch viele Filme des Festivals. Von den Vorstädten Frankrecihs wechseln wir in den Regenwald des Amazonasgebietes. Eine Gruppe jugendlicher Guerillas gehört einer paramilitärischen Einheit an, die eine us-amerikanische Geisel bewachen. In eindrucksvollen Bildern erleben wir ihre täglichen Trainingseinheiten und die gruppendynamischen Prozesse in wilder Umgebung. Der Film hat auf dem Sundance Festival gewonnen. Zurecht.

6. Il pleuvait des oiseaux

Von Louise Archambault, Kanada 2018

Jedes Festival hat diese kleinen, stillen – scheinbar unspektakulären – Filme, die vermutlich nicht den Weg in deutsche Kinos finden werden. Der kanadische Film “Il pleuvait des oiseaux” gehört für mich dazu. Es geht um drei alte Menschen, die beschließen ihren Lebensabend in Hütten im Wald, fern der Zivilisation, zu verbringen. Der wunderbare Streifen basiert auf dem Roman “And the Birds Rained Down” von Jocelyne Saucier.

7. Pacificado

Von Paxton Winters, Brasilien 2019

Anhand der Geschichte der 13-Jährigen Tati wird gezeigt, welchen Wandel die Favelas von Rio de Janeiro erlebten, die für die Zeit der Olympischen Spiele in Rio zunächst “befriedet” und dann wieder ihrem Schiksal überlassen wurden. Etwas überraschend der Gewinnerfilm des Festivals. Aber nicht unverdient.

8. Buñuel en el Laberinto de las Tortugas

Von Salvador Simó, Spanien 2019

Ich habe in meiner Zeit an der Uni Saarbrücken so lange über Buñuel gearbeitet, dass ich diesen Film natürlich mit besonderem Interesse erwartet habe. Wenn man sich gut mit den Faken auskennt, besteht ja die Gefahr, dass man von der Fiktion enttäuscht wird. Doch weit gefehlt. Salvador Simó ist ein wunderbarer Animationsfilm über Buñuel und die Entstehung des Dokumentarfilmes “Las Hurdes – Tierra sin Pan” („Land ohne Brot“) gelungen. Wer mehr über die Produktion erfahren möchte, kann sich dieses kurze englische Interview mit Salvador Simó anschauen.

9. El Príncipe

Von Sebastián Muñoz, Chile/Argentinien 2019

Der Film spielt in einem chilenischen Gefängnis Anfang der 70er Jahre. Dem jungen Jaime wird nach einem Mord und seiner Einlieferung der Spitzname “El Príncipe” gegeben. Beschützt wird er von dem älteren Insassen El Potro, gespielt von dem sehr bekannten chilenischen Schauspieler Alfredo Castro, der auch in San Sebastián anwesend war. Die Gegenleistung für diesen Schutz ist körperliche Intimität. Die Vorlage zum Film hat laut Wikipedia ein Roman von Mario Cruz geliefert.

10. Parasite

Von Bong Joon-ho, Süd-Korea 2019

Für mich einer der schönsten Flm des Festivals war eine Komödie, wohltuend neben all den Dramen. Es war auch der letzte Film, den ich gesehen hatte. Wie getwittert, als 50. Film insgesamt und als 7. Film in der Mitternachtsvorstellung des letzten Tages. Erinnerungen an “Die Schmutzigen, die Häßlichen und die Gemeinen” von Ettore Scola kommen hoch, oder an “Die Flodders“. Arm gegen reich: eine arme Familie schafft es nach und nach Jobs bei einer reichen Familie zu bekommen. Doch der Film geht weit über eine Sozialkomödie hinaus. Es geht gegen Ende Richtung Thriller. Doch ich will nichts verraten. Nur soviel: unbedingt reingehen! Er läuft ja gerade zum Glück in unseren Kinos!

Und hier noch ein paar Bilder aus San Sebastián. Ich freue mich schon auf mein 26. Mal in dieser wunderschönen Stadt im Baskenland:

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