Festivalbericht San Sebastián 2016

Ehe ich über die dieses Jahr gesehenen Filme berichte, vorneweg mein Fotoalbum San Sebastián 2016. Die Bilder gibt’s dort auch zum Betrachten in groß:

Fotoalbum San Sebastián 2016

Und nun zum gesehen Kino: Im Fokus vieler Filme beim internationalen Filmfestival San Sebastián 2016 stand das Thema Gewalt unter bzw. von Jugendlichen oder jungen Menschen. Am härtesten zu erfahren in dem polnischen Wettbewerbsbeitrag «Playground» (das auf der Leinwand Gezeigte – zwei Zwölfjährige töten einen zweijährigen Jungen – war für manche so unerträglich, dass sie das Kino verließen; treffende Rezension von Jonathan Romney) und dem chilenischen Wettbewerbsfilm «Jesús» (Rezension Variety, Trailer). Auch zwei der zehn Filme, die ich am besten fand, bearbeiten das Thema. Doch das Spektrum ist natürlich viel größer. Wie immer habe ich auch dieses Jahr etwas darunter gelitten, mit 5 bis 6 Filmen pro Tag sehr dicht getaktet mit Themen konfrontiert zu werden, die einem nahe gehen und für die natürlich in den knappen Pausen zwischen den Filmen keine Zeit bleibt, sie zu verarbeiten. Das hab ich aber alles in den vergangenen 7 Tagen nachgeholt und kann nun meine traditionelle TOP 10 präsentieren. Wie immer mit nur wenigen Worten, einem Trailer und im Titel per Link auf die englischsprachige Filmbeschreibung auf der Festivalwebsite:

1. As you are von Miles Joris-Peyrafitte (USA 2016)

Formal beeindruckend erzählte Geschichte eine Freundschaft zweier Jungen. Regisseur Miles Joris-Peyrafitte ist selbst erst 23, sieht auch ein bisschen so aus wie die beiden Jungs und zeigt bereits in seinem Erstlingsfilm, dass man noch viel von ihm erwarten kann. Bei einem der beiden Jungs im Film hab ich die ganze Zeit gedacht, irgendwoher kenne ich den Schauspieler. Tagsdrauf kam die Erleuchtung, als ich einen Artikel über den Erfolg von Serien auf Netflix las. Dort wurde nämlich Stranger Things erwähnt, wo er auch mitgespielt hat. Es ist Charlie Heaton.

Interessantes Interview zum Film mit dem Regisseur – wo man übrigens auch sehen kann, dass er in seinem eigenen Film durchaus hätte mitspielen können – und den beiden jugendlichen Hauptdarstellern Owen Campbell und Amandla Stenberg: ‘As You Are’ Director Discovered the ‘Voice of the Film’ Through the Cast.

2. Todo sobre el asado von Mariano Cohen und Gastón Duprat (Argentinien 2016)

Da es noch keinen Trailer zu diesem wunderbaren Film über das argentinische “Nationalgericht” Asado (Braten, hier eher: Grillfleisch) aus der Reihe Cine Culinaria (Kulinarisches Kino) gibt, habe ich hier einen Beitrag verlinkt, in dem die beiden argentinischen Regisseure Mariano Cohen und Gastón Duprat über die Entstehung ihres Filmes reden. Es sind dabei zahlreiche Fotos aus dem Film zu sehen, so dass man sich einen guten Eindruck davon machen kann. Artikel in El País zum Film: «El asado argentino ya tiene película». Es ist eine wahre Freude sich diesen Film mit all den Geschichten und den Experten (meistens Männer, es greift die “traditionelle Rollenaufteilung: der Mann steht am Grill, die Frau macht derweil den Salat) um den Asado anzuschauen.

3. Frantz, von François Ozon (Frankreich 2016)

Frantz ist für mich einer der schönsten Filme des Festivals. Ozon hat ihn basierend auf einem Theaterstück von Maurice Rostand geschrieben und gedreht. Als er während der Vorbereitung erfuhr, dass Lubitsch das Stück bereits 1931 unter dem Titel BROKEN LULLABY verfilmt hatte, wollte er die Idee zunächst verwerfen. Zum Glück hat er weitergemacht. Herausgekommen ist ein sehenswerter Film, der sowohl in Deutschland als auch in Frankreich und sowohl auf deutsch als auch auf französisch gedreht wurde. Dass die erst 21 Jahre alte deutsche Hauptdarstellerin Paula Beer mit Romy Schneider verglichen wird, ist sicherlich eine hohe Last. Für mich ist sie jedenfalls DIE Entdeckung des Festivals.

Es gibt ein gutes Dossier über den Film bei «Der Freitag», dort auch ein Interview mit François Ozon und mit Paula Beer.

4. Rara von Pepa San Martín (Chile 2016)

Bester spanischsprachiger Film des Festivals war für mich «Rara». Einer von überraschend vielen chilenischen Filmen in San Seabstián, er wurde auch mit dem Premio Horizontes Latino als bester lateinamerikanischer Film ausgezeichnet. Die Anwältin Paula lebt nach der Trennung von ihrem Mann mit einer anderen Frau zusammen, beide erziehen die beiden Töchter von Paula gemeinsam. Für die beiden Mädchen ist das kein Problem. Für Teile ihrer Umgebung schon. Die beiden Töchter werden hervorragend gespielt von Julia Lubbert (in der Rolle der 12-jährigen Sara, die irgendwie schon sehr erwachsen wirkt) und Emilia Ossandon (in der Rolle Saras jüngerer Schwester Cata). Letztere hat mich sehr an die Kleine aus «Little Miss Sunshine» erinnert. Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit.

5. L’Odyssée von Jérôme Salle (Frankreich 2016)

Ein sehr konventionell gemachter, aber dafür auch gut erzählter Film über die Geschichte von Jacques Cousteau und die gemeinsame Arbeit mit sowie das schwierige Verhältnis zu seinem Sohn Philippe. Der Sohn wird von Pierre Niney gespielt, der auch in «Frantz» von Ozon die männliche Hauptrolle spielt. Cousteaus Frau wird interpretiert von Audrey Tautou, Respekt an die Maske, weil sie gegen Ende des Films als ältere Frau, zurückgezogen auf dem Schiff lebend, noch sehr authentisch rüber kommt.

6. Snowden von Oliver Stone (USA 2016)

In den Snowden-Film von Oliver Stone wollte ich erst gar nicht reingehen, weil mich Stone mit seinen letzten Filmen nur noch enttäuscht hat. Zum Glück hab ich es doch getan, denn mit Snowden ist ihm ein wirklich guter Film gelungen (mit einer Überraschung am Schluss, die hier aber nicht verraten wird). Gezeigt wird die Zeit Snowdens von 2004 bis 2013, also die Jahre bevor er der Welt die Augen in Sachen Geheimdienstüberwachung geöffnet hat. Was er dabei riskiert und aufgegeben hat, macht dieser Film mehr als deutlich. Und was die anlasslose Überwachung aller für jeden von uns bedeutet, zeigt er auch. Daher sehr lohnenswert.

Zwei Lektüre-Empfehlungen zum Film: «Edward Snowden’s Long, Strange Journey to Hollywood» (von Irina Aleksander, NY Times 30.8.2016) und «Die packende Geschichte des Edward Snowden» (von Katharina Nocun, Campact 28.9.2016).

7. El invierno von Emiliano Torres (Argentinien 2016)

Kameramann Ramiro Civita hat in San Sebastián zurecht den Preis für die beste Kameraarbeit bekommen. Die Landschaftsaufnahmen von Patagonien im dem Film den Titel gebenden Winter, sind wirklich großartig. Ein sehr langsamer Film, wie viele Filme aus Lateinamerika. Doch wenn man sich auf das Tempo einlässt und die kraft der ruhigen Bilder auf sich wirken lässt, wird man mit einem beeindruckenden Filmerlebnis belohnt. Es geht um die Arbeit auf einer Ranch in Patagonien. Um die Aufgabe des Vorarbeiters gegenüber seinen Arbeitern und das einsame Durchhalten in den Wintermonaten. Das vielleicht zu erwartende kontemplative Versinken in kalten Landschaftsimpressionen der argentinische Steppe wird von dem Kampf der Protagonisten ums Überleben überlagert. El invierno ist somit ein durch und durch existenzialistischer Film. Wie gesagt, gut gefilmt dazu.

8. La región salvaje von Amat Escalante (Mexiko 2016)

In einem ganz anderen Tempo kommt «La región salvaje» von Amat Escalante daher. Die auch eher getragenen Bilder des kurzen Filmausschnitts sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier um einen sehr rasanten und dramatischen Film handelt. Vordergründig wird die Geschichte einer Frau erzählt, die erfahren muss, dass ihr Mann es auch mit ihrem schwulen Bruder treibt. Hintergründig ist es ein Film mit einem ominösen, alienartigen Wesen, dass sowohl Frauen als auch Männern höchste sexuelle Lustbefriedigung verspricht, aber auch höchst gefährlich ist. Die allegorische Fantastik dieser Geschichte mag nicht jedermanns Sache sein, doch der Film zeigt sehr gut die Risiken, die Menschen bereit sind einzugehen, um eine höhere Befriedigung zu erreichen und er zeigt gleichzeitig die bigotte Homophobie in Mexiko anhand der Figur des Ehemanns, der ständig schwulenfeindliche Witze reisst und im geheimen seinen Schwager fickt, wann immer jener auf seine WhatsApp-Nachrichten hin zu einem Treffen bereit ist. Die region salvaje – die wilde Gegend – ist sowohl ein mit Lügen und Geheimnissen durchsetztes Terrain des täglichen Lebens, als auch eine Projektion der Sehnsucht der nach mehr Erfüllung strebenden Protagonisten. Das ganze Thema hat der mexikanische Regisseur Amat Éscalante ebenso fantastisch wie menschlich umgesetzt.

9. Berserker von Pablo Hernando (Spanien 2016)

Berserker ist ein schöner kleiner spanischer Film. Ein angehender Schriftsteller erfährt von einem dramatischen Mordfall in seiner Bekanntschaft und macht sich daran, das geschehen zu recherchieren, mit der Absicht ein Buch darüber zu schreiben. Er stößt auf weitere seltsame Todesfälle. In Interviews mit Menschen, die die Toten kannten, versucht er Licht in die rätselhaften Todesfälle zu bringen. Der baskische Regisseur Pablo Hernando hat mit sehr geringem Budget einen künstlerisch beachtlichen Film geschaffen. Im in San Sebastián geführten Interview bei Bloguionistas äußert er sich zur u.a. zur Entstehung des Films. Der Hauptdarsteller Julián Génisson hat übrigens einen lesenswerten Twitteraccount: @canodrama.

10. Política, manual de instrucciones von Fernando León de Aranoa (Spanien 2016)

Last but not least ein Film eines meiner spanischen Lieblingsregisseure: Fernando León de Aranoa hat zweit Jahre lang Pablo Iglesias und weitere für die linke Unabhängigkeitsbewegung Podemos wichtige Personen auf dem Weg zu einer “ordentlichen” Partei und durch zwei Jahre spanischen Wahlkampf filmisch begleitet. Aus 400 Stunden Filmmaterial sind zwei Stunden sehenswerter Dokumentation geworden, deren Vorführung in San Sebastíán noch durch die Präsenz von Pablo Iglesias aufgewertet wurde. Der Mann kann ja wirklich reden wie gedruckt. Es war schon interessant, wie schlagfertig und rhetorisch geschickt er die Fragen während der Podiumsdiskussion beantwortet hat.

Epilog: Die Retro zu Jacques Becker

Als Ergänzung zu den vorgestellten aktuellen Filmen möchte ich unbedingt noch darauf hinweisen, dass einer der besten Filme, den ich auf dem diesjährigen Festival gesehen habe, einer aus der Retroperspektive zu Jacques Becker war. Der 1960 einen Monat nach seinem Tod erschienene letzte Film des französischen Regisseurs: Le trou (für damalige Verhältnisse mit 2h 15 min sehr lang). Aber keinesfalls langweilig, im Gegenteil:

Ich kann nur hoffen, dass Arte (oder Netflix ?!?) bald mal eine Retro-Reihe zu Jacques Becker bringt, denn auch die Filme Casque d’or (1952, mit Simone Signoret) und Rue de l’Estrapade (1953) waren sehr gut gemachtes Kino. Manchmal ist es ganz angenehm, unter so vielen Filmen mit extrem hohen Tempo und rasanten Schnitten gut gemachtes “altes” Kino zu schauen. wink

San Sebastián hat sich jedenfalls auch bei meinem 22. Besuch sehr gelohnt. Einige der hier vorgestellten Filme laufen ja sogar jetzt schon im Kino («Frantz» und «Snowden»). «As you are» kann man gerade jetzt und nochmal am Donnerstag auf dem Filmfest Hamburg sehen. Von den anderen wünsche ich euch, dass ihr sie mal zu sehen bekommt.

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6 Kommentare auf "Festivalbericht San Sebastián 2016"

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Elke
Gast

Echt bewundernswert, wie du das bei der Masse an Filmen im Nachhinein noch so zusammen kriegst und dann auch noch eine gute Auswahl treffen kannst. Danke dafür! Ich denke, “Frantz” werde ich mir auf jeden Fall anschauen.

Carmen
Gast

Auch wenn ich hier (mittlerweile leider) selten lese und schreibe, freue ich mich IMMER auf die Festivalberichte.
Vielen Dank, dass du uns einen kleinen Einblick gibst ins aktuelle Filmschaffen, bes. das spanischsprachige.
Bin wie immer gespannt, welchen Streifen ich davon zu sehen kriege. Und – tada – Frantz hab ich schon gesehen und war auch sehr beeindruckt von den Bildern. Und der Geschichte. Für mich sehr anregend – wie geht es mit der Protagonistin weiter? Welche Stärke sie zeigt, um die Eltern ihres Geliebten zu schützen…
Eine kleine Frage noch: gab es eigentlich auch deutsche Filme in Donostia?

Carmen
Gast

Danke für die Zusatzinfo!
Toni Erdmann hab ich auch gesehen. Da blieb mir das Lachen oft im Hals stecken – zu sehr hat es mich an meine Erfahrung bei meinem langjährigen Arbeitgeber (“ein international tätiges Software- und Beratungshaus”) erinnert… Beeindruckend fand ich, dass es (fast?) keine Filmmusik gab. Und ich hab sie auch nicht wirklich vermisst.

Elke
Gast

Danke! Und ja, es ist in Sachen Zeit nehmen wohl haargenau so, wie du sagst.

Carmen
Gast

Hallo Markus, hast du zufällig auch PORTO gesehen und falls ja, wie fandest du ihn?
http://www.kinokoki.de/film/porto/
Leider lese ich ja nicht alle Blog-Artikel und verfolge Twitter auch nur unregelmäßig – deshalb die Frage: bist du dieses Jahr nicht in San Sebastián?
Herbstliche Grüße von der Wakenitz…

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