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Joachim Jungius – Der Zettelkasten des Doktors – Ausstellung über einen Vordenker

von Markus — 05.09.2012, 11:33 Uhr · 8 Kommentare

Vitrine mit einem Teil des Nachlasses von Jungius

Heute eröffnen wir in der Stabi die lange und mit Spannung erwartete Jungius-Ausstellung. Eben beim Aufbau habe ich obiges Foto geschossen. Finde es höchst beeindruckend, was die Stabi da mit dem Nachlass1 von Joachim Jungius für einen Schatz hat. 50.000 einzelne Dokumente sind von dem, was der Wissenschaftler in seinem Leben (1587 – 1657) angesammelt hat, erhalten. Ein wahrer Zettelkasten voller Gedanken zur Wissenschaft und zur Didaktik. Deshalb heißt die Ausstellung auch «Joachim Jungius: Der Zettelkasten des Doktors» (zu sehen ab heute Abend bis zum 28.10.2012).

Was mich an diesem großartigen Bestand, der übrigens in einem groß angelegten Digitalisierungsprojekt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden wird, am meisten fasziniert: wie aktuell die Gedanken Jungius’ waren, und wie er mit seinen Schriften heutige Diskussionen im Netz quasi vorweg genommen hat. Man nehme nur Sascha Lobos Hinweis, dass wir alle in der Pflicht sind, den digitalen Graben zwischen Netznutzern und Netzverweigerern nicht größer werden zu lassen, oder das wunderbare Zitat aus dem Text von Biochem Belle (The expanding multiverse of the scientific community: new media for communication, ASBMB today):

The way scientists are sharing via social media is not so different from what scientists have been doing for centuries.

… und vergleiche dies mit einem in der Ausstellung aufgehängten Zitat von Jungius:

Zitat Jungius

Wir verdenken es niemandem, dass er unsere Mittel nicht versteht oder dass er noch etwas daran zweifelt, weil das Vorhaben so hoch und groß ist. Aber das strafen wir, dass sich wenig finden, die ernsthaft danach trachten, durch rechte Mittel zu unseren Lehrmitteln zu kommen.

Heute kommunizieren moderne Wissenschaftler ganz selbstverständlich auch im Netz (per E-Mail, in Blogs, Wikis und via weiterer Social Media Tools), früher haben sie sich Briefe geschrieben. Glücklicherweise sind auch zahlreiche Briefe von und an Jungius erhalten und in der Ausstellung dokumentiert und inhaltlich kommentiert (was gerade bei den lateinischen von Vorteil ist, damit sie sich auch den nicht des Lateinischen Mächtigen erschließen):

Brief Jungius

Also ich kann nur allen empfehlen, sich diese Ausstellung anzuschauen. Wer Zeit hat kommt am besten gleich heute Abend um 18h zur Eröffnung, oder schaut bis zum 28. Oktober in der Stabi (Wegbeschreibung) vorbei. Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-21 Uhr, Sa/So 10-18h.

Dann könnt ihr auch weitere Zitate von Jungius entdecken…

Jungius: Höchstes Gebot der didaktischen Ordnung…

… und dieses ganz besonders beeindruckende Schmuckstück bestaunen: die mit Siegeln ausgestattete Doktor-Urkunde von Jungius:

Doktor-Urkunde von Joachim Jungius (1619)

  1. Meinel, Christoph (1992): Die Bibliothek des Joachim Jungius: ein Beitrag zur Historia litteraria der frühen Neuzeit. Auch online zugänglich. []

Kategorien: Hamburg · Literatur

8 Antworten bis jetzt ↓

  • 1.

    Carsten sagt am 05.09.2012 um 21:34 Uhr: Gravatar

    “Eben beim Aufbau habe ich obiges Foto geschossen.”

    Das sieht man ;)

  • 2.

    Markus sagt am 05.09.2012 um 21:37 Uhr: Gravatar

    @Carsten: Deshalb gefällt mir das Bild auch so gut. ;)

  • 3.

    Tobias sagt am 06.09.2012 um 08:07 Uhr: Gravatar

    Was für eine spannende Ausstellung. Ließe es mein Studium zu, wäre das ein Grund nach Hamburg zu fahren. :-)

  • 4.

    Markus sagt am 06.09.2012 um 09:19 Uhr: Gravatar

    @Tobias: Der Gedanke ist zwar kein grundlegend neuer, aber ich stelle mir vor, was solch helle, vorausschauende Geister mit den Tools der heutigen Zeit angefangen hätten. Jungius hätte sicher gebloggt und getwittert, was das Zeug hält. ;)

  • 5.

    Tobias sagt am 07.09.2012 um 07:18 Uhr: Gravatar

    @Markus: Vermutlich hätte er sogar ein kleines Wiki geführt. :-) Jungius Zettelwirtschaft erinnert mich außerdem an Niklas Luhmann.

  • 6.

    Markus sagt am 07.09.2012 um 08:18 Uhr: Gravatar

    @Tobias: Ja, an Luhmanns Zettelkasten mussten wir auch denken. Könnte auch ein spannendes Ergebnis der kommenden Digitalisierung von Jungius’ Zetteln werden: wie ist das alles zu ordnen? Vielleicht werden online neue Bezüge zwischen den Notizen des Wissenschaftlers entdeckt, die aus dem analogen Material nach all den Jahrhunderten gar nicht mehr herauszulesen gewesen wären.

  • 7.

    Tobias sagt am 07.09.2012 um 17:17 Uhr: Gravatar

    @Markus: Schön, dass ihr auch an Luhmann denken musstet. :-) Für eine Geschichtsforschung, die Ansätze der Historischer Anthropologie, der Histoire croisée oder einer Diskurstheorie verfolgt, dürften die Notzien in der Tat einen reichen Fundus darstellen. Und ja bestimmte Beziehungsstrukturen werden vielleicht erst durch die Digitalisierung und durch dei Anwendung unterstützender algorithmische Werkzeuge sichtbar.

  • 8.

    Gelesen in Biblioblogs (36.KW’12) « Lesewolke sagt am 10.09.2012 um 07:04 Uhr: Gravatar

    [...] der Staatbibliothek Hamburg “Joachim Jungius: Der Zettelkasten des Doktors” fand Text & Blog so einen Spruch: “Wir verdenken es niemandem, dass er unsere Mittel nicht versteht oder dass [...]

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