Ich bin auch Verlierer des Tages

Ich bin auch Verlierer des Tages Wer die BILD-Zeitung liest, tut das nicht, um sich durch sorgsame Abwägung unterschiedlicher Argumente seine Meinung zu bilden, sondern weil er gerne einfache Positionen serviert bekommt. Provokativ, verkürzt in wenig Text und dicken Schlagzeilen. Gehört mit zum Erfolgskonzept des Blattes und beschert dieser simplen Informationspolitik eine Reichweite von etwa 11,5 Millionen Lesern täglich. Ich wiederhole: etwa 11,5 Millionen Leser täglich1.

Dieses perfide Meinungsmacher-Blatt verzichtet gerne auf Argumente (frei nach dem Motto: Wer im Recht ist, der braucht keine Argumente) und übt sich stattdessen lieber im Schwarz-Weiß-Malen2. So kürt sie offenbar auch täglich Gewinner und Verlierer des Tages, ohne weitergehende Argumentationen dafür zu liefern, warum jemand positiv oder negativ hervorgehoben wird.

Heute ist der Verlierer des Tages der Sprecher der SPD-Linken, Björn Böhning (@BoehningB), der einen Initiativantrag für den SPD-Parteitag am Sonntag gestellt hat, durch den die SPD-Bundestagsfraktion aufgefordert wird, den Gesetzentwurf der Großen Koalition zur Sperrung von Kinderporno-Seiten zu verhindern. Wenn jemand erkannt hat, dass ein offensichtlich komplett falsch konzipierter Gesetzentwurf, der schwerwiegende verfassungspolitische Mängel aufweist und nachweislich keinen Erfolg im Kampf gegen Kinderpornographie bringen wird, ein Verlierer des Tages ist, dann, liebe BILD-Zeitung, ja dann möchte auch ich ein Verlierer des Tages sein. Buttons für entsprechend solidarische Verliererinnen und Verlierer werden freundlicherweise von Mathias Richel zur Verfügung gestellt. In anderen Farben gibt es die Buttons auch bei Attie the Penguin.

Update 17:35 Uhr (via @saschalobo): Dazu passt auch der Artikel von Stefan Niggemeier im Bildblog: Wer ist gegen Kinderpornographie-Gegner?.

[via @mathiasrichel]

  1. Unfassbar, aber wenn man den Zahlen der Deutschen Media-Analyse, siehe Wikipedia-Artikel, glauben darf, ein Faktum. []
  2. Das ist – nur am Rande bemerkt – weniger dem Blatt vorzuwerfen, sondern denen, die es immer wieder kaufen und lesen. []

9 Gedanken zu “Ich bin auch Verlierer des Tages

  1. Lieber heute ein Verlierer
    als über Jahre hinweg
    medialer Rohrkrepierer
    und journalistischer Dreck.

  2. @Carsten: Das sind aber harsche Worte. Ich der Sache aber begründet, denn was die BILD-Zeitung hier macht, hat mit Journalismus nichts mehr zu tun, sondern ist eine höchst tendenziöse Schmutzkampagne.

    @Bhuti: Danke, dass Sie mitmachen, Frau Bhuti. Um die schräge Symbolik der Aktion fortzuführen, erkläre ich Sie hiermit zur Verliererin der Herzen.

  3. Ich bin mal gespannt ob der Herr Björn Böhning die SPD-Bundestagsfraktion überzeugen kann. Sehr viele Chancen sich zu profilieren werden dieser Partei nicht mehr geboten. Deshalb sollten sie diese nutzen. Wenn auch viel wichtigere und größere Probleme unser Land beschäftigen. Übrigens sind Leser der Bild Leute die nicht sehr viel Zeit haben sich mit vielen Druckseiten von vielen großen Zeitschriften zu beschäftigen (oder sich nicht beschäftigen wollen). Es sind halt einfache Leute ohne hochtrabenden Horizont. Aber wie heißt es so schön: Bild dir deine Meinung! Also nicht so fest draufhauen. Das mit der Bildzeitung ist übrigens nichts Neues. Das ist das Leben.

  4. @ Thomas Altenwald
    Wenn es wenigstens einfache Leute wären. Gerade auf Tagungen und Konferenzen finde ich es interessant zu beobachten, was die Kollegen so lesen. Glaub mir es ist erschreckend anzusehen, wer sich da alles so seine Meinung bildet.

  5. @Thomas Altenwald

    Den Ansatz, dass die Bild-Zeitung nichts Neues ist, kann ich verstehen. Für mich klingt der jedoch etwas resignativ, da sich da die schleichende Haltung einstellt, einfach die Bild ihrem Stumpfsinn fröhnen zu lassen.

    Allerdings finde ich: solange die Bild-Zeitung ihre Machtposition dazu benutzt, auf Schwache einzudreschen, sind keine Worte harsch genug, um das anzuprangern.

  6. @ Rolf Maler
    Wer hat jetzt die richtige Meinung? Sie oder die 11,5 Millionen?

    @ Carsten
    Sehen sie: einfache Leute können nichts mit „resignativ“ anfangen. Und sie sprechen von Machtposition. Wieso sind denn Personen mit „einer Reichweite von etwa 11,5 Millionen Lesern täglich“ schwach. Dann hätten wir ja eine schwachsinnige Bevölkerung.

    @meine Meinung!
    Selbst ich, als normaler Bürger dieser Erde, lese die Bild-Zeitung nur ab und zu mal und bin insgesamt kein Freund dieser Zeitung. Es ging mir nur um das Thema „Sperrung von Kinderporno-Seiten“. Wenn das Internet sich wirklich politisch engagieren soll, dann für wesentlich wichtigere Themen: Wo soll der Atommüll hin, was ist mit Kinderarbeit (und wer verdient daran), warum werden in Deutschland Minen hergestellt usw.
    Das ist für mich interessanter als ein (zugegeben ganz kleiner) Versuch (und der ist sogar nicht strafbar) den Kinderschändern entgegen zu wirken .

  7. @Thomas Altenwald

    Bevor ich die Diskussion weiterführe, will ich doch mal den Satz geklärt haben, der mir etwas schlecht bekommen ist, denn an keiner Stelle meiner Beiträge habe ich Folgendes behauptet:

    Wieso sind denn Personen mit “einer Reichweite von etwa 11,5 Millionen Lesern täglich” schwach. Dann hätten wir ja eine schwachsinnige Bevölkerung.

    Mein Vorwurf lautete:

    solange die Bild-Zeitung ihre Machtposition dazu benutzt, auf Schwache einzudreschen, sind keine Worte harsch genug, um das anzuprangern.

    Ich lese hier nicht die Bildleser oder die Bevölkerung, sondern den bewusst weit ausgedehnten Begriff „Schwache“. Darunter fasse ich Leute, die BILD (ob bewusst oder unbewusst) schädigt, indem Sie bewusst Stimmungen erzeugt, die sich auf das private Umfeld dieser Menschen niederschlagen. Kritiker der BILD-Kritik werden zwar von „Einzelfällen“ sprechen, allerdings kann das für diese Einzelfälle weitreichende Folgen haben.

    Das nur zur Klärung, meine Argumente können Sie gerne zerfleischen, allerdings lasse ich mir nur sehr sehr ungerne Worte in den Mund legen, die ich nicht gesagt habe.

    Zu Ihrer Meinung:

    Natürlich sind diese von Ihnen angesprochenen Themen nicht minder wichtig (im weltpolitischen Kontext wohl auch sicherlich wichtiger als ein rein virtuelles Thema), allerdings liegt es hier einerseits an den Medien, die solche Themen, sei es aus Lobbyinteressen oder anderen Gründen, zu oft unbeachtet lassen, andererseits halte ich solche Vorwürfe wie „Wenn Ihr Euch mal richtig engagieren wollt, dann macht doch lieber das“ für Phrase, die nicht wirklich weiterbringt.

    Meiner Ansicht nach braucht man eben diese Themenvielfalt und es ist auch gut so, dass es eben Leute gibt, die sich dem einen Thema verschrieben haben, während andere auf unterschiedlichen Gebieten ihr Engagement betreiben. Man kann immer (und soll auch immer) die Leute aufrütteln und antreiben, über ihren Tellerrand hinauszublicken und auch etwas zu tun, wenn man dabei allerdings ihr bisheriges Engagement in einer anderen bürgerrechtlichen Frage infrage stellt, wird man damit sicher nicht punkten.

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