Festivalbericht San Sebastián 2018

San Sebastián 2018

Zum 24. Mal in Folge auf dem Internationalen Filmfestival von San Sebastián gewesen und es war wieder einmal ein wunderbares Festival. Der Wettbewerb war dieses Jahr zugegeben etwas mau, aber es gab wie immer auch in den vielen Nebenreihen – und in der Retrospektive zur britischen Drehbuchautorin und Regisseurin Muriel Box – noch einige Perlen zu entdecken. Gesurft hab ich nicht – obwohl die Verlockung groß, die Zeit aber nicht vorhanden war –, am Strand gewesen und im Atlantik geschwommen bin ich aber schon. Das Wetter war noch wunderschön sommerlich und verlängerte den Jahrhundertsommer in Deutschland für mich noch einmal bis Ende September. In neun Tagen habe ich 46 Filme gesehen – also 5 bis 6 pro Tag –, hier die aus meiner Sicht zehn beeindruckendsten Filme. Wie immer mit Trailer und Verlinkung in die englischsprachige Filmbeschreibung des Festivals:

1. Un día más con vida (Another Day of Life) von Raúl De la Fuente
(Spanien 2018)

Wie aus einem Journalisten ein Autor wird, lässt sich aus dem Bericht des polnischen Journalisten Ryszard Kapuściński erkennen, der sich 1976 für drei Monate in die Wirrren und die Hölle des Bürgerkrieges in Angola begeben hatte. Aus dieser wahren Vorlage hat Raúl De la Fuente einen Animationsfilm gemacht, der mit professionellen Bildern und einem perfekten Timing das waghalsige journalistische Unterfangen Kapu?ci?skis einfängt. Ein Film nicht nur über die Notwendigkeit journalistischer Berichterstattung über die Kriege in der Welt, sondern eine künstlerisch wertvolle Dokumentation, die den Krieg als das vorführt, was er ist: ein sinnloses Verbrechen an der Menschheit.

2. Mudar la piel (The Spy Within) von Ana Schulz und Cristóbal Fernández (Spanien 2018)

Ana Schulz hat einen Film über die Geschichte ihres Vaters Juan Gutiérrez gemacht, der als Vermittler zwischen der Spanischen Regierung und ETA von seinem Freund Roberto Flórez ausspioniert wurde. Ein sehr persönliches und nah am Geschehen produziertes Dokument der spanischen Zeitgeschichte.

3. La noche de 12 años (A Twelve-Year Night) von Alvaro Brechner

(Spanien, Argent., Frankr. Uruguay 2018)

Im September 1973 werden Mitglieder der Tupamaros Guerrilla, darunter der spätere Präsident Uruguays, José Mujica, festgenommen und über 12 Jahre nicht nur gefangen gehalten sondern brutal behandelt und – vielleicht die schlimmste Strafe – komplett isloliert. In der Rolle von Mujica brilliert der auf dem Festival gleich mit mehreren Filmen vertretene spanische Schauspieler Antonio de la Torre.

4. Entre dos aguas (Between Two Waters) von Isaki Lacuesta
(Spanien 2018)

Der hoch verdiente und von mir korrekt vorausgesagte Sieger des Festivals war der bewegende Film “Entre dos aguas”, mit dem Lacuesta zum zweiten Mal die Golden Muschel gewann. Die Conacha de Oro gewann er schon 2011 für “Los pasos dobles”. Zwölf Jahre nach seinem Film “La Leyenda del Tiempo” drehte er mit zum Teil dem gleichen Cast nochmals ein Sozialdrama im Umfeld der Gitanos von Cádiz. Wieder geht es um die Geschichte der Brüder Isra und Cheíto. Mit 136 Minuten ist der Film etwas zu lange geraten, aber höchst sehenswert ist er auch so.

5. Perfectos desconocidos (Perfect Strangers) von Álex De La Iglesia
(Spanien 2018)

Langjährige Freunde – bis auf einen alles Paare – treffen sich zu einem gemeinsamen Abendessen bei einem der Paare zuhause. Als Spiel kommt die Idee auf, jeder möge sein Handy auf den Tisch legen und für alle werden einkommende WhatsApp-Nachrichten und E-Mails einsehbar und ankommende Telefonate müssen vom Angerufenen mit Lautsprecher angenommen werden ohne den Anrufenden auf die nicht mehr vorhandene Privatsphäre hinzuweisen. Aufkommende Indiskretionen sind vorprogrammiert, das Geschehen eskaliert zusehends. Und wird am Ende aber auch clever aufgelöst. Es bleibt die Frage zurück, ob das ein oder andere nicht doch besser privat bleiben sollte. Oder eben auch nicht. Die Entscheidung liegt beim Zuschauer. Gut gemacht und gut gespielt.

6. Blind Spot von Tuva Novotny
(Norwegen 2018)

Es gibt auf Festivals immer wieder Filme, die so hart sind, dass es einem schwer fällt, danach überhaupt noch einen weiteren Film zu sehen. Blind Spot ist so einer. Es geht in dem in einer Einstellung gedrehten norwegischen Film um den Selbstmordversuch eines jungen Mädchens, der für die Zuschauer genauso unvermittelt kommt wie für die Eltern. Die Mutter gerät in Panik, nachdem sie die Tochter nicht in ihrem Zimmer, sondern am Boden des mehrstöckigen Hochhauses findet. Eindrücklich gespielt von Pia Tjelta, die für die Rolle der Mutter als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde.

7. Capharnaüm / Capernaum von Nadine Labaki
(Libanon 2018)

Der Film erzählt die Geschichte des 12-jährigen Zain (gespielt von (Zain Al Rafeea) im Libanon. Er ist gleichzeitig Angeklagter und Ankläger. Er klagt seine Eltern an, ihn nicht vor seinem Schicksal bewahrt zu haben. Ein Sozialdrama, oder eher noch ein Elendsdrama. Schwere Kost in grausam gut gemachten Bildern und von den Kinderdarstellern so authentisch gespielt, das man glaubt, eine Dokumentation zu sehen. Und trotzdem kein rühriges Sozialstück, sondern ein Film, der einem nahe geht. Sehr nahe.

8. Nuestro Tiempo (Our Time) von Carlos Reygadas
(Mexiko 2018)

Ein fast drei Stunden langer Mexikaner, das ist für manche vielleicht eine Zumutung. Ich fand ihn sehr gut und auch nicht zu lang. Man muss sich aber einlassen können auf die langsame erzählweise der Geschichte. Es geht vordergründig um eine offene Beziehung, die in die Krise gerät. Das Ehepaar Juan (gespielt von Regisseur Carlso Reygadas) und Esther (gespielt von Reygadas Frau Natalia López) gestehen sich wechselseitig andere Partner zu, so lange sie sich das offen kommunizieren. Diese Offenheit scheint an ihre Grenzen zu kommen, als Juan ein Verhältnis Esthers mit einem Züchter nicht verkraften kann. Um diese Geschichte herum wird das Leben der Menschen – und auch ganz besonders der Kinder und Heranwachsenden – auf dem Land (auf einer Ranch) geschildert. Das Auge des Zuschauers erfreut sich an wunderschönen Natur- und Tieraufnahmen in der Abgeschiedenheit. Interessant ist auch die Aufgabenteilung des Paares: Esther managt die Ranch, während sich Juan, ein bekannter Dichter, sich um die Zucht kümmert.

9. Gallo von Antonio Díaz Huerta
(Spanien 2018)

Gallo

Einen Trailer gibt es hier: https://www.naiz.eus/eu/mediateca/video/gallo-trailer

Hätte nicht gedacht, dass das geht: Blind sein und Surfen. Doch die baskische Doku über Aitor Francesena, genannt Gallo, zeigt, dass es geht. Mit 39 Jahre ist Gallo erblindet. Der Film zeigt ihn fünf Jahre später, surfend und sogar als Surtrainer arbeitend. Ein faszinierender Typ, der nicht nur durch seine Hartnäckigkeit und Energie überzeugt, sondern auch durch seine Menschlichkeit. Und wenn man ihn gefühlvoll die Wellen reiten sieht, kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Wunderschöne Aufnahmen vom Wellenreiten an der baskischen Küste (auch in San Sebastián!) sind gepaart mit Einblicken in den Alltag eines blinden Menschen.

10. Casi 40 (Almost Forty) von David Trueba
(Spanien 2018)

Der letzte Film, den ich hier vorstelle, stammt von einem meiner spanischen Lieblingsregisseure, David Trueba. Eine schöne kleine Geschichte mit guten Dialogen. Nicht mehr und nicht weniger. Lucía (Lucía Jiménez) und Tristán (Fernando Ramallo) waren in ihrer Jugend mal kurze Zeit ein Paar. Lucía hat dann Karriere als Sängerin gemacht, ist inzwischen raus aus dem Geschäft, verheiratet und Mutter zweier Kinder. Auf Tristáns Initiative begeben sich die beiden auf eine kleine Konzertreise durch Spanien, mit Auftritten Lucías in Buchhandlungen. Sie blicken – im Lebensabschnitt kurz vor der 40 – auf ihr Leben zurück und voraus. Ein schönes Roadmovie in dem Trueba die Arbeit mit den gleichen Schauspielern aufgenommen hat, mit denen er 1996 seinen Erstlingsfilm «La Buena vida» gedreht hat.

6 Gedanken zu “Festivalbericht San Sebastián 2018

  1. Und da ist er auch schon – der Festivalbericht 🙂
    Toll, dass du dir immer wieder Zeit nimmst, deine Eindrücke noch einmal zu reflektieren und mit uns zu teilen
    Da stellst du eine sehr bunte Mischung an Themen, Ländern, filmischer Umsetzung vor
    (Und auch das Surfen fehlt nicht 😉 )
    Freue mich, dass ich sogar ein paar Namen kenne und bin schon sehr gespannt, welcher dieser Titel es ins heimische Kino schafft

    Hier läuft grad der Countdown zu den 60. Nordischen Filmtagen – Sonne und Meer wird es dann im Lübecker November nicht geben. Dafür freut man sich umso mehr über ein warmes Plätzchen im Lichtspielhaus…

  2. Der Bericht ist mir ehrlich gesagt egal (weil mich das Thema nicht sonderlich interessiert), aber – ich muss schon sagen – das gewählte Foto hat mich geflasht, das musste ich mir unbedingt noch mal in groß anschauen, deswegen bin ich hier, und ich dachte, dass lass ich dich einfach mal wissen….

    Coole Perspektive! 🙂

    1. Danke für das Feedback. Ist der Blick aus dem Filmfestivalzentrum Kursaal auf den Strand von San Sebastián. Wirkt vor Ort genau so unwirklich wie auf dem Foto. 😉

  3. Ich lese jedes Jahr gerne Deine Festivalberichte, habe aber leider gerade nicht die Tipps der Vorjahre im Kopf. Waren die Stoffe auch in den Vorjahren so ernst/politisch? Weil ich fast beim ersten Lesen diesen Eindruck hatte und Kino ja auch immer so eine Art generelle Stimmung der Zeit festhalten kann, würde mich das interessieren.

    Toll finde ich übrigens, dass ich allein durch Deine Auswahl wieder auch was über Ereignisse gelernt habe, die so fern von Deutschland sind, dass sie hier nicht unbedingt allen bekannt sind. Am meisten würden mich tatsächlich “Un día más con vida (Another Day of Life)”, “Blind Spot” und “Mudar la piel (The Spy Within)” interessieren.

    1. Carsten: Danke fürs treue Lesen. Generell überwiegen auf den großen Filmfestivals die ernsten Themen (und das macht es auch so schwer, so viele Filme direkt hintereinander in kurzer Zeit zu sehen). Gerade San Sebastián, und noch mehr die Berlinale, sind Festivals mit politischem Schwerpunkt. Die breite internationale Auswahl an verarbeiteten Themen und Konflikten erweitert immer auch den eigenen Horizont. Freut mich, das indirekt durch meine – zugegeben subjektive – Auswahl weitergeben zu können.

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