Festivalbericht San Sebastián 2026

Wie immer ein paar Zahlen vorne weg: das war mein 31. Aufenthalt auf dem Internationalen Filmfestival von San Sebastian. Ich habe in neun Tagen unglaubliche 48 Filme gesehen. Es war nicht der beste Festival-Jahrgang, aber in der Spitze gab es doch sehr gutes Kino zu sehen. Und da ich immer nur die Spitze vorstelle, kann ich auch hier wieder zehn Filme präsentieren, von denen ich euch nur wünschen kann, dass ihr sie im Kino werdet sehen können. Die Reihenfolge der Filme stellt keine Wertung dar, und im Titel ist immer die Festivalbeschreibung des Films verlinkt. Film ab:

1. El Ser querido

Von Rodrigo Sorogoyen, Spanien 2026

In „El ser querido“ von Rodrigo Sorogoyen – 2022 bekannt geworden durch seinen fantastischen Film As Bestas – kehrt die junge Schauspilerin María nach Jahren in ihre Heimat zurück, um ihren Vater, einen bekannten Filmregisseur, wiederzusehen. Ihr Vater möchte sie für seinen neuen Film als Schauspielerin gewinnen, obwohl ihre Beziehung seit langer Zeit von Konflikten und gegenseitiger Distanz geprägt ist. Während der gemeinsamen Arbeit am Film werden alte familiäre Spannungen und persönliche Verletzungen wieder sichtbar. Die Dreharbeiten zwingen Vater und Tochter dazu, sich ihrer schwierigen Vergangenheit und ihrer Beziehung zueinander zu stellen. Dieses „Duell“ ist in Sorogoyens Film grandios besetzt mit Javier Bardem und Victoria Luengo. Letztere war mit drei Filmen auf dem Festival präsent und hat den Regisseur zur Vorstellung von „El ser querido“ nach Donostia begleitet:

Deutscher Kinostart von „El ser querido“ in vier Monaten: 04.02.2027

2. Morro

Von Rodrigo García Saiz, Mexiko 2026


(Das ist kein Trailer nur ein Filmausschnitt. Nicht täuschen lassen, wenn man diese dialoglose Szene ohne Kontext sieht, wirkt der Film etwas langatmig, was er aber tatsächlich nicht ist, sondern ein Film mit kraftvollen, stillen Bildern.)

In „Morro“ erzählt der mexikanische Regisseur Rodrigo García Saiz von Mateo (Gustavo Sánchez Parra), einem Tierarzt in einer Kleinstadt, der seit dem Tod seines Sohnes ein Leben aus stillen Routinen und namenlosen Schuldgefühlen führt. Die Gewalt des Ortes ist nicht sofort sichtbar, sie liegt wie ein nie verklingendes Echo über allem. Dieses fragile Gleichgewicht gerät ins Wanken, als Mateo den verletzten Hund des örtlichen Drogenbosses versorgen muss – den Hund, der dem Film seinen Namen gibt. Aus der täglichen Pflege des Tieres entsteht eine unerwartete Verbindung ohne Urteil und ohne Worte, die Mateo hilft, wieder einen Sinn im Leben zu finden. Der Film kommt über weite Strecken mit wenigen Dialogen aus und lief in der Sektion „New Directors“.

3. Tender Loving Care

Von Mike Leigh, Großbritannien 2026

Mike Leigh, Gewinner der Goldenen Palme und für den Oscar nominiert, erzählt in „Tender Loving Care“ von Amy (Kate O’Flynn), einer Sozialarbeiterin im Kinderschutz, die mit ihrer optimistischen besten Freundin Rosie (Alice Bailey Johnson) zusammenwohnt – Rosie ist ebenfalls Sozialarbeiterin und muss sich im Alltag mit Wut und Frust der Menschen auseinandersetzen. Amys alternde Eltern Birdie (Marion Bailey) und Geoff (Paul Jesson) machen sich Sorgen um das Glück ihrer Tochter, während sie selbst mit einer Krise kämpfen: Geoff wird zusehends schwächer. Leigh zeichnet überforderte, aber widerstandsfähige Menschen im England nach dem Brexit und erzählt mit viel Humor davon, wie schwer es ist, um Hilfe zu bitten und sie anzunehmen. Ganz nebenbei wird auch der unterfinanzierte und zersplitterte britische Pflege- und Sozialbereich sichtbar. Der Film wird in ersten Besprechungen als möglicherweise letzter Film von Mike Leigh bezeichnet.

4. Wild Horse Nine

Von Martin McDonagh, USA/Großbritannien/Chile 2026

Martin McDonagh – bekannt durch „Brügge sehen… und sterben?“, „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und „The Banshees of Inisherin“ – schickt in „Wild Horse Nine“ zwei CIA-Agenten kurz vor dem chilenischen Militärputsch von 1973 von Santiago auf die Osterinsel. Chris (John Malkovich) und Lee (Sam Rockwell) sollen dort im Auftrag ihres Stationsleiters MJ (Steve Buscemi) eine Mission erfüllen, doch die langjährigen Partner werden von ihrer dunklen Vergangenheit und gegenwärtigen Verschwörungen eingeholt. Als Chris eine Verbindung zu zwei rebellischen Studentinnen (Mariana di Girolamo und Ailín Salas) knüpft, droht die Reise in das abgelegene Paradies vollends aus dem Ruder zu laufen. Gedreht wurde auf der Osterinsel selbst, in weiteren Rollen sind Tom Waits und Parker Posey zu sehen. Der Film feierte seine Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig, wo John Malkovich als bester Darsteller ausgezeichnet wurde.

Deutscher Kinostart von „Wild Horse Nine“ in gut fünf Wochen: 12.11.2026

5. La bola negra

Von Javier Ambrossi und Javier Calvo, Spanien/Frankreich 2026

„La bola negra“ von Javier Ambrossi und Javier Calvo („Los Javis“) war trotz Überlänge von 135 Minuten mein Festivalfavorit und erzählt die miteinander verwobenen Geschichten von drei Männern in drei Epochen – 1932, 1937 und 2017 -, deren Leben durch Sexualität und Begehren, Schmerz und Vermächtnis eng verbunden sind. Der Film ist inspiriert von einem unvollendeten Spätwerk von Federico García Lorca und von einem Theaterstück von Alberto Conejero, der auch am Drehbuch beteiligt war. In der Gegenwart recherchiert Alberto die Geschichte seiner Familie und trifft dabei auf Isabelle Durand (Glenn Close), die ihm Neues über seinen Großvater verrät, der sein Leben lang seine wahre Identität verbarg. Neben Glenn Close ist auch Penélope Cruz zu sehen, die jungen Hauptrollen spielen unter anderem Guitarricadelafuente (der heißt wirklich so, bürgerlicher Name: Álvaro Lafuente Calvo) und Miguel Bernardeau. In Cannes teilten sich Calvo und Ambrossi den Preis für die beste Regie.

6. Krux

Von Tony Vahl, Deutschland/Polen 2026

„Krux“ ist das Spielfilmdebüt der Regisseurin Tony Vahl und beruht auf wahren Ereignissen. Im Frühjahr 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, versucht eine kleine Dorfgemeinschaft im Nordosten Deutschlands, ein Stück Normalität zu bewahren: Die meisten Männer sind an der Front, zurückgeblieben sind Frauen, Kinder und wenige Männer, die nicht eingezogen wurden – darunter der Pfarrer (Martin Wuttke) und der Lehrer (Clemens Schick). Schule, Kirche, Hochzeiten und Arbeit folgen noch den alten Ritualen, bis der Fluss plötzlich Leichen anschwemmt, die niemand zuordnen kann. Gerüchte füllen das Schweigen, und aus der Ungewissheit wächst eine Angst, die größer ist als der Feind selbst – zumal das NS-Regime der Bevölkerung befohlen hat, nichts Lebendiges für den Feind zurückzulassen. In den Hauptrollen spielen Jella Haase und Frida-Lovisa Hamann die Dorfbewohnerinnen Greta und Anni.

7. El mal padre

Von Roberto Bueso, Spanien 2026

Nach Jahren der Entfremdung ruft der berühmte Schriftsteller und Hochschullehrer Santiago Balmes (phänomenal: Eduard Fernández) seine drei erwachsenen Kinder zusammen: Seine letzte Bitte ist, gemeinsam Weihnachten in jenem Haus zu verbringen, in dem die Familie in ihrer Kindheit die Sommer verbracht hat. Die Kinder haben den Vater kaum noch gesehen, seit er vor Jahrzehnten ihre Mutter wegen einer anderen Frau verlassen hat. Während dieser Tage brechen alte Verletzungen und Vorwürfe wieder auf, und der Vater versucht, es wiedergutzumachen – womöglich zu spät. Bueso geht es nach eigener Aussage um eine zerrüttete Familie, die sich neu zusammensetzen will, und um unbeholfene Menschen, die zwischen Groll und Angst erst lernen müssen, Zuneigung zu schenken und anzunehmen. Neben Eduard Fernández spielen unter anderem Adam Jezierski, Francesco Carril und Meritxell Calvo; der Film lief im Wettbewerb um die Goldene Muschel.

8. La ilusión de un verano sin fin

Von Alessandra Sanguinetti, Argentinien/USA 2026

So ein wunderbarer Film. Eine kleine Festivalperle, die gleichzeitig mit den Preisen Horizontes Latinos und DAMA ausgezeichnet wurde (Meldung dazu). „La ilusión de un verano sin fin“ ist der erste Langfilm der Fotografin Alessandra Sanguinetti, die seit 2007 Mitglied der Fotoagentur Magnum ist. Der Dokumentarfilm beginnt 1999, als Sanguinetti zwei neunjährige Cousinen aus ihrer Nachbarschaft, Guillermina und Belinda, einlädt, ihre Fantasien mit ihr zu teilen – aus dieser Zusammenarbeit wird eine Begleitung, die sich über ein Vierteljahrhundert erstreckt. Mit dem Älterwerden der beiden gewinnen ihre Spiele an Gewicht, bis die Wirklichkeit mit Arbeit, Mutterschaft und auseinanderlaufenden Lebenswegen Einzug hält. Die Zeit ist dabei die spürbarste Spannung des Films, der in der argentinischen Pampa spielt und der von Männern geprägten Mythologie der Region ein weibliches Gegenstück entgegenstellt. Uraufgeführt wurde er beim Filmfestival Locarno.

9. Lo dejamos acá


Von Hernán Goldfrid, Argentinien 2026

Ricardo Darín – 2017 mit dem Donostia-Preis des Festivals ausgezeichnet und in diesem Jahr das Gesicht des Festivalplakats – spielt in „Lo dejamos acá“ (internationaler Titel: „Therapy Done Right“) einen pragmatischen Psychoanalytiker, der den Glauben an die gängigen Methoden seiner Zunft verloren hat. Er beginnt, im Umgang mit seinen Patienten Grenzen zu überschreiten, und zunächst scheint dieses Vorgehen sogar zu funktionieren. Das ändert sich, als ein Schriftsteller mit Schreibblockade (grandios gespielt von Diego Peretti) in seiner Praxis auftaucht und eine Dynamik ins Wanken bringt, die bis dahin unter Kontrolle schien. Regie führte Hernán Goldfrid, der Darín bereits in dem Thriller „Tesis sobre un homicidio“ (2013) inszeniert hat; das Drehbuch stammt von Emanuel Diez. Der Film hatte beim Festival seine Weltpremiere in der Sektion „Other Activities“ als Hommage an Darín.

Darín war mit dem Regisseur vor Ort un hat im Kolloquium ausführlich dei Fragen des Publikums beantwortet. Es wurde klar, dass Argentienien ein Land mit hoher Therapeuten-Dichte und hohem Therapie-Bedarf sei. Aber der bewußt auf seinen Humor bauende Film solle keine Anklage an den Berufsstand der Therapeut:innen sein.
Kurios war es Darín (endlich einmal!) live zu sehen, der als „Gesicht des Festivals“ (siehe Auftaktfoto dieses Artiekls) überall auf dem Festival und in der ganzen Stadt omnipräsent war:

Hernán Goldfrid und Ricardo Darín (rechts)

Start von „Lo dejamos acá“ bei Netflix (noch kein Kinostart bekannt) in knapp zwei Wochen: 16.10.2026

10. 7h40 ce matin-là

Von Nicole Garcia, Frankreich 2026


(Der Film hat noch keinen Trailer, als Platzhalter, bis einer veröffentlicht wird, hier ein Austug aus der Pressekonferenz mit Marion Cotillard und Nicole Garcia.)

In „7h40 ce matin-là“ (internationaler Titel: „Milo“), ihrem zehnten Spielfilm, lässt Nicole Garcia Alice (Marion Cotillard) morgens um 7:40 Uhr aus dem Bus in einer ruhigen Kleinstadt im Südosten Frankreichs steigen. Alice nimmt einen Job in einem Café an und fügt sich unauffällig in ein Leben ein, das nicht ihr eigenes ist. Dass sie dort ist, ist kein Zufall: Sie ist wegen Milo (Théodore Pellerin) gekommen, einem jungen Mechaniker, der in einer nahegelegenen Werkstatt arbeitet. Für ihn ist Alice eine Fremde, für sie ist er mit einer Vergangenheit verbunden, von der sie nie losgekommen ist. Als verdrängte Spannungen an die Oberfläche kommen, stellt sich die Frage, ob sich eine Bindung wiederherstellen lässt, die vor Jahrzehnten zerbrach – der Film lief im Wettbewerb um die Goldene Muschel. Kinostart in Frankreich ist der 20.01.2027. Ein deutscher Start steht noch nicht fest.

Last but not least noch eine lobende Erwähung eines besonderen Films außerhalb der Top 10: Fernando Trueba hat mit Bajañí einen wunderbaren Muskfilm über den Guitarristen Niño Josele auf dem Festival präsentiert (außerhalb des Wettbewerbes, in einer Spezialaufführung), den ich beinahe für einen verlängerten Strandbesuches hätte ausfallen lassen, dann am Ende aber doch gesehen hatte – zum Glück:

2 Kommentare zu „Festivalbericht San Sebastián 2026“

    1. Danke lieber Leo, ich bin mir sicher, Du wirst einige davon sehen können (und sie werden Dir mit Sicherheit gefallen).

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