Ein paar Zahlen vorneweg: das war meine 30. Berlinale. Ich habe 42 Filme in neun Tagen gesehen. Dies sind die nach meinem Empfinden zehn besten. Die Reihenfolge stellt keine Wertung da, es ist die chronologische Reihenfolge, in der ich sie gesehen habe. Der Titel verlinkt immer zur Filmbeschreibung auf der Berlinale-Seite. Es gibt noch nicht von allen Filmen Trailer. Wenn die rauskommen, baue ich die noch ein.
1. No Good Men
von Shahrbanoo Sadat, Deutschland/Frankreich/Norwegen/Dänemark/Afghanistan, 2026
Der beste Eröffnungsfilm der Berlinale seit Langem. Die Handlung: Kabul im August 2021, wenige Tage vor der Machtübernahme der Taliban: Die Kamerafrau Naru kämpft nach der Trennung von ihrem untreuen Mann ums Sorgerecht für ihren dreijährigen Sohn – und hat längst das Urteil gefällt, dass es in ihrem Land keine guten Männer gibt. Als der angesehene Journalist Qodrat ihr unvermittelt eine berufliche Chance anbietet, fahren die beiden kreuz und quer durch eine Stadt, die noch nicht weiß, dass sie sich in den letzten Tagen ihrer Freiheit befindet. Funken sprühen, Überzeugungen geraten ins Wanken – und Shahrbanoo Sadat, die in dem Film auch selbst mitspielt, erzählt vom Verlust, von der Sehnsucht und von der knappen, kostbaren Zeit kurz vor dem Dunkel. Ein Film, der einen noch lange nicht loslässt.
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2. Un hijo propio
von Maite Alberdi, Mexiko, 2026
Formal außergewöhnlich: eine Mischung aus Dokumentarfilm und Doku-Fiktion. Alejandras Kinderwunsch ist so groß wie der gesellschaftliche Druck, dem sie ausgesetzt ist – groß genug, um nach drei Fehlgeburten eine vorgetäuschte Schwangerschaft monatelang vor Ehemann und Familie aufrechtzuerhalten. Die chilenische Dokumentarfilmerin Maite Alberdi, bekannt durch El agente topo und La memoria infinita, zeigt mit schonungsloser Präzision, wie aus einer kleinen Lüge eine alles verschlingende Scharade wird. Irgendwann überschreitet Alejandra eine Grenze, hinter der es kein Zurück mehr gibt – und löst einen Medienskandal aus, der das mühsam aufrechterhaltene Konstrukt zum Einsturz bringt. Ein bedrückend intimer Film über Wunsch, Scham und die brutale Kraft sozialer Erwartungen.
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3. Staatsschutz
von Faraz Shariat, Deutschland, 2026
Der Gewinner des Panorama-Publikumspreises: Die junge Staatsanwältin Seyo Kim will rechter Gewalt in Ostdeutschland mit den Mitteln des Rechtsstaats begegnen – bis sie selbst zum Ziel wird und einen rassistischen Anschlag überlebt. Entgegen ausdrücklicher Weisung ihrer Behörde ermittelt sie in eigener Sache, bringt einen der Täter vor Gericht und beginnt, ihn als Teil eines rechten Netzwerks zu enttarnen. Dabei stößt sie auf eine Institution, die den Mythos ihrer eigenen Objektivität pflegt, während sie rechte Gewalt im Zweifel verharmlost oder gar deckt. Faraz Shariat, der mit *Futur Drei* einen der klügsten deutschen Debütfilme der letzten Jahre vorgelegt hat, kehrt mit diesem ebenso wütenden wie präzisen Politthriller in überzeugender Form zur Berlinale zurück.
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4. El Tren Fluvial
von Lorenzo Ferro und Lucas A. Vignale, Argentinien, 2026
Für mich der schönste Film des Festivals: Der neunjährige Milo wächst auf dem Land unter dem Gewicht auf, eines Tages ein großartiger Malambo-Tänzer zu werden – und ein perfekter Sohn. Eigentlich will er nur weg: mit dem Zug durchs Land fahren, Buenos Aires sehen, das er nur aus Filmen kennt. Auf 75 Minuten verdichten die beiden Erstlingsregisseure Lorenzo Ferro (der als Schauspieler in El Ángel und Simón de la montaña auf sich aufmerksam machte) und Lucas Vignale eine Geschichte von kindlicher Sehnsucht, schweigsamer Melancholie und den ersten zögernden Schritten in eine eigene Welt. Ein Debütfilm, der mit großer Zartheit und viel Liebe zum Detail, und dennoch ohne einen Hauch von Sentimentalität erzählt.
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5. Die Blutgräfin
von Ulrike Ottinger, Österreich/Luxemburg/Deutschland, 2026
Die Blutgräfin und ihre Zofe sind auf der Jagd – nach dem roten Lebenselixier und einem Buch, das das Ende des Vampirreichs bedeuten könnte. Ihnen auf den Fersen: ein Kriminalbeamter, zwei Vampirologen, ein vegetarischer Neffe und dessen Therapeut. Ulrike Ottinger inszeniert mit Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Lars Eidinger und Thomas Schubert ein lustvoll exzentrisches Spektakel, das mit dem Stoff des Horrors ebenso spielerisch umgeht wie mit den Konventionen des Genres. Eine Berlinale Special Gala, die beweist, dass Kino auch einfach nur unverschämt viel Vergnügen bereiten darf.
Hier ein Foto von Ulrike Ottinger und ihren Hauptdarsteller:innen, das ich bei der Premiere des Films im Zoo Palast aufgenommen habe:
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6. Isabel
von Gabe Klinger, Brasilien/Frankreich, 2026
Noch so eine Festivalperle, ein Film mit viel Herzblut gemacht. Isabel ist Sommelière in São Paulo – ehrgeizig, kompromisslos, mit einer Vision. Als sie ihrem Chef kündigt, um eine eigene Bar zu eröffnen, beginnt ein Abenteuer, das schnell aus den Fugen gerät. Gabe Klinger erzählt von einer Frau am Scheideweg: weitermachen oder aufgeben, den sicheren Rückzug wählen oder das eigene Schicksal in die Hand nehmen. Was sich nach einer schlanken Prämisse anhört, entfaltet sich im Panorama der Berlinale als ein feines, stilles Porträt weiblicher Selbstbestimmung in einer Stadt, die selten auf jemanden wartet. Hauptdarstellerin Marina Person, selbst Regisseurin und – wie sie im Kolloquium nach dem Film erzählte – Weinexpertin mit dem Wunsch, eine Weinbar in São Paulo zu eröffnen, hat am Drehbuch mitgeschrieben. Das trug ganz offensichtlich zum authentischen Erzählen bei.
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7. Rose
von Markus Schleinzer, Österreich/Deutschland, 2026
Goldener Bär für Sandra Hüller als beste Schauspielerin: Im 17. Jahrhundert taucht in einem deutschen Dorf ein Soldat auf, der behauptet, der rechtmäßige Erbe eines verlassenen Gutshofs zu sein. Doch das Misstrauen der Dorfgemeinschaft wächst, denn um den Fremden webt sich ein rätselhaftes Geheimnis – und die Frage, wer er wirklich ist, wird mit jedem Bild drängender. Markus Schleinzer, der mit Michael (2011) einen der verstörendsten österreichischen Filme der letzten Jahrzehnte vorgelegt hat, kehrt mit Sandra Hüller in der Hauptrolle in den Wettbewerb zurück und erzählt eine Geschichte, die so karg und unerbittlich ist wie die Zeit, in der sie spielt.
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8. Moscas
von Fernando Eimbcke, Mexiko, 2026

Olga führt ein streng geregeltes Leben – keine Freundschaften, keine Beziehungen, ein Wohnblock wie eine Festung gegen die Welt. Als sie ein Zimmer untervermieten muss, zieht ein Mann ein, der seinen neunjährigen Sohn heimlich mitbringt. Was folgt, ist keine sentimentale Wandlung, sondern eine behutsame Verschiebung: Gegen Olgas erklärten Willen beginnen sich drei Leben zu verflechten. Fernando Eimbcke, der mit Lake Tahoe bereits in Berlin war und in San Sebastián die Goldene Muschel gewann, dreht seinen neuen Film konsequent in Schwarzweiß und setzt damit auf eine Bildsprache, die das Karge ins Poetische wendet. Ein stiller, großer Film.
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9. Gelbe Briefe
von İlker Çatak, Deutschland/Frankreich/Türkei, 2026
Goldener Bär für den besten Film: Das gefeierte Künstlerehepaar Derya und Aziz führt mit seiner Tochter Ezgi ein erfülltes Leben in Ankara – bis ein Vorfall bei der Theaterpremiere alles verändert und sie von einem Tag auf den anderen ins Visier des Staates geraten. Sie verlieren Arbeit und Wohnung, ziehen nach Istanbul und beginnen, sich zu verlieren: Aziz hält an seinen Überzeugungen fest, während Derya nach einem Ausweg sucht, der sie finanziell unabhängig macht. İlker Çatak, der mit Das Lehrerzimmer für einen Oscar nominiert wurde, erzählt mit der gleichen kühlen Genauigkeit von einem Paar, das zwischen Integrität und Überleben wählen muss – und von einer Familie, deren Zusammenhalt an den Widersprüchen des Lebens unter Druck zerbröckelt. Faszinierend die Lösung, die Städte Ankara deutlich erkennbar (und mit Titeln angezeigt) in Berlin, und Istanbul erkennbar in Hamburg zu drehen.
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10. Yo (Love is a Rebellious Bird)
von Anna Fitch und Banker White, USA, 2026
Nach dem Tod ihrer Freundin Yo verbrachte Anna zehn Jahre damit, deren Haus im Maßstab 1:3 nachzubauen – gerade groß genug, um sich selbst hindurchzuquetschen, und in ihm lebt eine Puppenversion der Verstorbenen weiter. Yo, 1924 in der Schweiz geboren, hatte ihr Leben stets nach eigenen Vorstellungen geführt und sich allen Erwartungen an Sexualität, Mutterschaft und Alter konsequent widersetzt. Anna Fitch und Banker White verschmelzen in ihrem Dokumentarfilm intime Beobachtungen aus Yos letztem Lebensjahr mit Annas künstlerischer Rekonstruktion – und erschaffen dabei einen Film, der Trauer, Liebe und die Kraft des kreativen Schaffens auf zutiefst bewegende Weise miteinander verwebt.
Zwei lobende Erwähnungen gehen an „Siri Hustvedt – Dance Around the Self“:
Was für ein bewegender, wunderbarer Film: „Siri Hustvedt – Dance Around the Self“Wenn sie darüber spricht, dass sie nach vier Jahrezehnten ihren „Lebensmensch“ verloren hat, ist mir das sehr nah gegangen: www.berlinale.de/de/2026/prog… #Berlinale
— Markus Trapp (@textundblog.bsky.social) 2026-02-15T11:09:32.880Z
Und den mexikanischen Gewinnerfilm des Generation 14plus-Wettbewerbes „Chicas tristes“ von Fernanda Tovar:
Wunderschöne Decke und Leinwand im Zoopalast 2. Hier habe ich heute den sehr guten Generation14plus-Film aus #Mexiko „Chicas tristes“: www.berlinale.de/de/2026/prog… #Berlinale
— Markus Trapp (@textundblog.bsky.social) 2026-02-19T16:15:38.443Z


