Berlinale-Bericht 2010 – What remains

Etwas verspätet mein Berlinale-Bericht. Und leider nicht nur verspätet, sondern auch unvollständig. Aber ehe ich aus Zeitmangel überhaupt nichts zu meinem – wie berichtet – 15. Festivalaufenthalt an der Spree schreibe, hier das, was ich zeitlich schaffe (evtl. zu einem späterem Zeitpunkt mehr, keine Ahnung, ob mir das noch gelingen wird).

Die Kritik ist in diesem Jahr mit der Berlinale besonders hart zu Gericht gegangen. Größtenteils zurecht, es gab schon bessere Filmjahrgänge, das stimmt. Wer aber die Auswahl der auf der Berlinale gezeigten Filme kritisiert, muss erst mal die Filme nennen, die statt der ausgewählten hätten gezeigt werden müssen. Und bei manchen Kritikern hat man den Eindruck, sie denken, Filme würden für die Filmkritik gemacht. Werden sie aber nicht, sie werden für die Zuschauer gemacht. Wer also schreibt, es gäbe kein mutiges Kino, es würden keine Experimente gewagt, unterschätzt womöglich, dass das normale Publikum vielleicht einfach nur gut unterhalten oder informiert werden möchte.

Apropos Publikum, das gut informiert werden möchte: zum 5. Mal in Folge wurde der Panorama-Publikumspreis von einem Dokumentarfilm gewonnen: Dieser war gleichzeitig auch mein 50. Film auf dem Festival (ja, ich habe in den 10 Tagen tatsächlich 50 Filme gesehen, im Schnitt also 5 pro Tag, und immer – wie ebenso berichtet – 1 Stunde am Vortag dafür angestanden): Waste Land von britischen Filmemacherin Lucy Walker (die damit als erste Regisseurin überhaupt den Publikumspreis zwei Mal gewonnen hat, denn 2007 war sie schon der Publikumsliebling mit der Dokumentation «Blindsight»). Waste Land ist ein sehr beeindruckender Film, der die «Catadores» (Müllsammler) bei ihrer Arbeit zeigt und ein wirklich abgefahrenes Kunstprojekt vorstellt, das die Nähe zum Sozialkitsch, genau wie der Film selbst, geschickt vermeidet: der brasilianische Künstlers Vik Muniz schafft zusammen mit den Müllsammlern der Müllkippe in Rio de Janeiro Kunstwerke der besonderen Art. Berühmte Gemälde werden nachgestellt oder Porträtaufnahmen gemacht, die im Anschluss als vergrößertes Bild aufgezogen und mit Müll “dekoriert” werden. Etwa so:

Catador als Marat, Szenenbild aus Waste Land

Dieses Beispiel basiert auf dem nachgestellten Gemälde: «Der Tod des Marat» von Jacques-Louis David (1793), mit einem der Catadores fotografiert. Wer den Protagonisten des Motivs im Anschluss auf der Auktion in London in Tränen ausbrechen sieht, als dieses mit ihm geschaffene “Kunstwerk” dort für über 50.000 Pfund über den Tisch geht (wie abgefahren!), kann eigene Tränen kaum zurückhalten.

Ich schaue ja gewöhnlich auf den Festivals alle spanischsprachigen Filme (Auflistung der Filme mit spanischer Beteiligung siehe Artikel der Spanischen Botschaft im ciberaBlog). Bis auf einige Kurzfilme ist mir das auch dieses Jahr auf der Berlinale wieder gelungen. Zwei Beispiele guter Filme möchte ich hier stellvertretend für die guten Filme in spanischer Sprache zeigen, einer aus dem Wettbewerb, einer aus der Reihe Spezial.

Der argentinische Wettbewerbsbeitrag «Rompecabezas» (Puzzle) von Natalia Smirnoff hat mir zum Beispiel sehr gut gefallen. Von manchen als banal fehl interpretiert, zeigt dieser Film eine kleine Geschichte aus dem Alltag einer Frau, die zum 50. Geburtstag ein Puzzle geschenkt bekommt und ihre Faszination für diese (gern belächelte) Freizeitbeschäftigung entdeckt, bis hin zur Turnierteilnahme in Buenos Aires, verbunden mit dem Traum als Gewinner mit ihrem Puzzle-Partner (gespielt von dem großartigen Schauspieler Arturo Goetz, der bei der Premiere in Berlin anwesend war) an einem internationalen Turnier in Deutschland teilzunehmen. Ein kleiner, feiner Film. Eine kleine Geschichte, einfühlsam und gut (und ja: konventionell) erzählt. Auf dem Youtube-Account der Regisseurin kann man den Trailer sehen:


Direktlink YouTube

Meine zweite Empfehlung aus dem Reigen der spanischsprachigen Filme kommt ebenso aus Lateinamerika. Mexiko wartet in seinem Jubiläumsjahr der Mexikanischen Revolution (1910-2010) mit einem Gemeinschaftswerk von zehn Regisseuren (darunter auch die Schauspieler Gael García Bernal und Diego Luna) auf: «Revolución».


Direktlink YouTube

In den weiteren Episoden führten Regie: Rodrigo Plá, Amat Escalante, Carlos Reygadas, Mariana Chenillo, Patricia Riggen, Gerardo Naranjo, Rodrigo García und Fernando Eimbcke. Ausführliche Infos zum Film in der Berlinale-Info (PDF).

Ansonsten darf ich noch berichten, dass ich Alejandro Amenábar wieder getroffen habe (in dem leider nicht so guten «El Mal Ajeno» von Oscar Santos, den er produziert hat. Alejandro fragte mich im Zoo Palast, wo ich ihn unmittelbar nach der Vorstellung von «El Mal Ajeno» ansprach, was mit meinen Haaren passiert sei (als wir uns vor 12 Jahren zum letzten Mal sahen, hatte ich noch lange Haare). Und er erinnerte sich noch sehr gut daran, dass ich der erste Mensch in seinem Leben war, mit dem er ins Internet ging, als wir 1996 zusammen in Saarbrücken für «Abre los Ojos» recherchierten (Original des späteren Remakes Vanilla Sky, beides Mal mit Penélope Cruz in der Hauptrolle). Zugegeben, so eine großartige Entdeckung wie den genialen Film «Tesis», den ich auf der Berlinale 1996 entdeckte, als ich Amenábar kennen lernte und nach Deutschland einlud, ist mir dieses Mal nicht gelungen, aber das kann auch nicht jedes Jahr passieren. Insgesamt war ich – auch beim 15. Mal – froh, auf der Berlinale gewesen zu sein. Wenn’s zu einem späteren Zeitpunkt mal passt, geb ich noch weitere Tipps. Spätestens, wenn die Filme bei uns ins Kino kommen. Die wenigsten werden das allerdings schaffen.

11 Kommentare zu „Berlinale-Bericht 2010 – What remains“

  1. Fuer mich sehr beeindruckend, wie Du es bewaeltigt bekommst, ganztags Bewegtbilder zu verfolgen. Ein Film mit Ueberleange nagt schon an meinem Sitzfleisch. Und ich rede von EINEM Film.
    Lesenswerter, schoener Artikel.

  2. Ich habe “Open Your Eyes” Amenábar damals in der Horrorecke unserer Vidothek unter dem Titel Virtual Nightmare entdeckt und bewundert. Ich bin zwar ein passionierter Filmegucker, allerdings weniger im künstlerisch-ambitionierten Bereich. Wie auch immer. Dennoch staune ich je und je wieder, welche tollen Streifen aus der Vergangenheit einem immer wieder entgehen können, wenn man sie mal entdeckt. Beispielsweise kam mir jetzt das Gefängnisdrama Brubaker unter, von dem ich vorher noch nie etwas gehört und gesehen hatte. Schon eine tolle Sache, diese Filmerei.

  3. Ich habe “Open Your Eyes” Amenábar damals in der Horrorecke unserer Videothek unter dem Titel Virtual Nightmare entdeckt und bewundert. Ich bin zwar ein passionierter Filmegucker, allerdings weniger im künstlerisch-ambitionierten Bereich. Wie auch immer. Dennoch staune ich je und je wieder, welche tollen Streifen aus der Vergangenheit einem immer wieder entgehen können, wenn man sie mal entdeckt. Beispielsweise kam mir jetzt das Gefängnisdrama Brubaker unter, von dem ich vorher noch nie etwas gehört und gesehen hatte. Schon eine tolle Sache, diese Filmerei.

  4. Vielen Dank für Dein Berlinale-Fazit und dass Du Dir die Zeit genommen hast, wenigstens etwas zu berichten! Ich war doch schon so gespannt darauf!

  5. @Liisa: Wenn ich es recht bedenke, muss ich da auch noch was nach legen. Denn wenn man nur drei Filme vorstellt, sieht es ja so aus, als wären das die einzigen drei guten gewesen. Dem war natürlich nicht so.

    @Markus: Wegen der Links ist der Kommentar wohl im Spam gelandet. Über Umwege hab ich ihn dort raus gefischt. Sorry und danke für Deinen Kommentar. Ja, es gibt immer wieder tolle Filme zu entdecken (deshalb mache ich das ja). Schön, dass Dir Abre los Ojos gefallen hat.

  6. Na, das ist doch eine recht umfangreiche Ausbeute, die du da geschafftt hast – 50 Filme – soviel hab ich dieses Jahr nicht geschafft. Bei mir waren es jeden Tag drei oder vier Filme.

  7. Also 4-5 pro Tag ist schon krass, das schaffe ich höchstens 2 Tage hintereinander auf dem FFF – für einen alten Mann wie Dich nicht übel, doch. 😉

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