Festivalbericht Berlinale 2018

Sony-Center 2018 Das war meine 23. Berlinale. Neun Tage voller Filme. Eine Woche hab ich danach wieder gebraucht, um alles zu verarbeiten. Schwere Kost in starken Bildern. Ihr könnt euch vorstellen, wie es in meinem Schädel brummte. Dass keiner der vier deutschen Wettbewerbsfilme – die allesamt gut waren – auch nur irgendeinen Preis bekommen hat, ist sehr bedauerlich. Den Gewinnerfilm habe ich nicht gesehen, doch die Vergabe des Golden Bären an «Touch me not» ist zumindest umstritten.

Dies sind für mich persönlich die zehn besten Filme aus den 51 Werken, die ich an den eiskalten Tagen in der Bundeshauptstadt gesehen habe:

1. Das schweigende Klassenzimmer

von Lars Kraume (D 2017)

Lars Kraume führt uns mit seiner Verfilmung des gleichnamigen Sachbuchs von Dietrich Garstka in die Zeit der deutschen Teilung vor dem Bau der Mauer. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit. Einer DDR-Klasse droht wegen politischer Aktivität der Rausschmiss aus der Schule, wenn sie nicht ihren Anführer verrät. Die Klasse hatte zunächst den Mut, eine Schweigeminute in Solidarität mit dem Ungarischen Volksaufstand 1956 abzuhalten und schweigt dann nochmal, um den Anführer nicht preiszugeben. Was mir gut gefällt, ist die Kombination aus der Besetzung der Hauptrollen, der Schüler, mit Laiendarstellern und der Nebenrollen mit gestandenen Profis (sehr gut: Burghart Klaußner als Volksbildungsminister Lange). Der Film befindet sich in der Vorauswahl der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2018. Könnte mir gut vorstellen, dass er ihn kriegt.

2. Styx

von Wolfgang Fischer (D/A 2017)

Was tun, wenn man auf dem Mittelmeer mit einem kleinen Segelboot unterwegs ist und auf einen havarierten Fischkutter mit über 100 Flüchtenden an Bord trifft, die zu ertrinken drohen, die sie aber auf ihr kleines Boot nicht aufnehmen kann. Sie ruft Hilfe, doch die kommt nicht. Ein kammerspielartig umgesetzter Albtraum, den der Zuschauer mit der Ärztin durchmacht. So dicht umgesetzt, dass man die Bedrückung, die hilflose Wut und den Zorn über das menschenverachtende Verhalten Europas gegenüber den Fliehenden aus Afrika mit jeder Minute des Filmes stärker spürt.

3. The Silence of Others

von Almudena Carracedo und Robert Bahar (USA/E 2018)

Was die Berlinale ausmacht, ist der hohe Anteil an Dokumentarfilmen im Festival. Wer diesen gesehen hat, vergisst ihn nicht so schnell. Es geht um die Angehörigen von Opfern der republikanischen Seite aus der Franco-Diktatur Spanien. Sie kämpfen dafür, dass die Massengräber, in denen ihre Familienangehörigen verscharrt wurden, ausgehoben werden, um sie nach all der Zeit zu identifizieren und würdig zu bestatten. Wie der in sieben Jahren produzierte Film zeigt, ein Kampf gegen die Zeit, dessen Ende manche der betagten Angehörigen nicht mehr erleben.

4. Transit

von Christian Petzold (D/F 2018)


«Transit» ist für mich der beste Film des Festivals. Wie Christian Petzold die autobiographische literarische Vorlage von Anna Seghers umgesetzt hat, ist grandios. Er hält an der in den vierziger Jahren spielenden Fluchtgeschichte fest, versetzt sie aber in die Gegenwart. Wir sehen Menschen auf der Flucht vor den Nazis, die auf ihre Papiere zur Auswanderung nach Mexiko warten, aber in einem modernen Marseille mit aktuellen Bildern. Hätte nicht gedacht, dass dieser Kunstgriff funktionieren kann. Doch er tut es.

5. La Prière

von Cédric Kahn (F 2018)

Auf jedem Festival gibt es für mich Filme, in die ich reingehe ohne viel zu erwarten. «La Prière» war so einer. Passte irgendwie in den Zeitplan und ich dachte, mal sehen. Was ich dann sah, hat mich sehr angetan. Thomas ist 22 Jahre alt, kommt nicht von dn Drogen los und zieht als letzte Rettung in eine katholische Anstalt. Einen Bezug zur Religion hat er zunächst nicht, er will nur von den Drogen los. Ein Weg, der eigentlich zum Scheitern verurteilt ist, nimmt eine ungewohnte Wendung. Brilliant gespielt von Anthony Bajon. In einer Nebenrolle, die wunderbare Hanna Schygulla als Nonne (Schwester Myriam).

6. Utøya 22. juli

von Erik Poppe (Nor 2018)

(Ich habe keinen Trailer gefunden, dies ist ein AFP-Bericht über den Film.)

Erik Poppe mutet dem Zuschauer viel zu, aber sein Film ist sehr gut. Die 78 Minuten, die es vom ersten bis zum letzten Schuss auf der Insel Utøya am 22. Juli 2011 dauerte, bis 69 Menschen durch einen irren Attentäter ihr Leben verloren, erlebt man in diesem Film in Echtzeit mit. Wie ein zunächst friedliches Zeltlager durch die Schüsse in Angst und Schrecken versetzt wird. Wie sie wegrennen, sich verstecken und doch gefunden und getötet werden. Schwer zu ertragen, auch wenn man genau weiß, dass es ja nur ein Film ist. Ein Film, der ganz bewusst aus der Opferperspektive realisiert wurde.

7. 3 Tage in Quiberon

von Emily Atef (D/A/F 2018)

Marie Bäumler spielt Romy Schneider. Nein, Marie Bäumler ist Romy Schneider. Unfassbar, wie nah sie der Figur kommt. Auch die Interviewer sind sehr nah ran gekommen an Romy Schneider, bzw. sie hat es zugelassen oder sogar so gewollt. Wenn sie am Anfang des Interviews schon sagt “Ich bin eine 42-jährige unglückliche Frau» ist der Rahmen gesetzt für das, was kommt. ganz stark:auch Birgit Minichmayer in der Rolle von Romys Freundin Hilde, die ihre Freundin immer wieder warnt: «Pass auf, was Du denen sagst, die schreiben das doch alles.» Das Stern-Interview fand 1981 statt, ein Jahr vor dem Tod von Romy Schneider.

8. Profile

von Timur Bekmambetov (USA/UK/Zypern/Rus 2018)

Hätte nicht gedacht, dass ein film so gut funktionieren und so spannend sein kann, der komplett aus abgefilmten Bildschirmaufnahmen besteht. In «Profile» ist das gelungen. Eine junge Reporterin versucht sich mit gefaktem Profil vom IS als Kämpferin rekrutieren zu lassen und zeichnet alles auf, um darüber zu berichten. irre, wie sie parallel mit der Redaktion in Kontakt steht udn gleichzeitig mit syrien skyped und die naive Waffenbegeisterte mimt. Eine waghalsige Aktion und der Zuschauer des Filmes sieht bei all dem gespannt auf den Bildschirm.

9. Ága

von Milko Lazarov (Bul/D/F 2018)

Ein richtige kleine Festivalperle ist dieser Film. Ein altes Paar lebt in der unwirtlichen Eislandschaft im Norden Jakutiens. Es ist berührend zu sehen, wie der Rentierjäger Nanook und seine Frau Sedna in der Einsamkeit leben ohne alleine zu sein. Der Alltag ist hart, alles will gut vorbereitet und ausgenutzt sein. Wenn die beiden mit ihren gegerbten Gesichtern in die Sonne blinzeln und sich ihr Träume erzählen, entsteht eine erzählerische Spannung in der Einöde, die wie gesagt berührt. Die schwer kranke Sedna vermisst ihre Tochter Ága, die lange schon weggegangen ist, um weit weg in einer Diamantenmine zu arbeiten. Als Sedna stirbt, macht Nanook sich auf den Weg zu Ága. Auf den Weg in eine Welt weit weg von seiner eigenen und näher an unserer. Der Zuschauer geht den Weg mit und reflektiert, wer es wohl besser habe.

10. Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot
von Philip Gröning (D/F/Ch 2018)

"Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot"

(Auch hier gibt es noch keinen Trailer, deshalb hab ich eine rrb-Kritik zum Film verlinkt.)

Philip Gröning provoziert gerne, seine Filme sind häufig umstritten. «Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot» bleibt dieser Tradion treu. Ich fand ihn sehr gut. In beinahe quälend langen drei Stunden verfolgen wir die Geschichte des Zwillingspaares Robert und Elena. Robert hilft Elena bei der Vorbereitung auf die Abiturprüfung in Philosophie. Die wunderschönen Sommerbilder in der süddeutschen Idylle am Rande einer Tankstelle laufen parallel zu philosophischen Fragen nach der Zeit, nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Parallel entwickelt ich eine Spirale der Gewalt, mit der wir beim Zusehen geschockt werden. Ganz bewusst verzichtet Gröning darauf eine Erklärung für diese Gewalt zu geben (gut zu sehen in diesem Interview). Wer sich die drei Stunden antut, wird diesen Film so schnell nicht vergessen. Das meine ich positiv.

Abschließend möchte ich noch ein großes Lob für die Retro «Weimarer Kino – neu gesehen» aussprechen. Obwohl ich es immerhin geschafft habe, fünf davon zu sehen, hätte ich gerne noch mehr Filme der 20-er und 30-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gesehen. Zum Abschluss eine Aufnahme aus der mit Live-Orchestermusik begleiteten Aufführung von «Das alte Gesetz» von Ewald André Dupontaus dem Jahr 1923. Der Film gilt als Höhepunkt jüdischen Filmschaffens in Deutschlands und ich war froh ihn in Berlin gesehen zu haben.

'Das alte Gesetz' - Friedrichstadtpalast

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Liisa
Gast

Vielen Dank, dass Du Dir wieder die Mühe gemacht hast, einen Festivalbericht zu schreiben. Wenn alles gut geht, sehe ich morgen “Das schweigende Klassenzimmer”.

Carmen
Gast
Und da ist er 🙂 Der jährlich erwartete Festivalbericht – danke, Markus. Ich freu mich, dass THE SILENCE OF OTHERS auch zu den besten Filmen zählt, die du gesehen hast. Die Gesprächsrunde im Anschluss hat fast noch mal eine Stunde gedauert und das Publikum war wirklich sehr aufgewühlt und interessiert (deshalb wohl auch der Panorama Publikumspreis – zudem wurde er ausgezeichnet mit dem Friedensfilmpreis) Nicht alle Filme, würde ich mir nun im Laufe des Jahres anschauen, zu viel Gewalt kann ich mir einfach nicht ansehen – Respekt, wie du das immer verdauen kannst. Ich freue mich, dass 3 TAGE IN… Read more »
Carmen
Gast

Nun kann ich auch gut verstehen, warum DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER auf Platz 1 gelandet ist.
Hab den Film am Wochenende gesehen und bin noch ganz verwirrt. Wie hätte ich mich verhalten?
Ich denke, der Film (1956!) erklärt so viel von dem, was später passiert ist. Hut ab, Lars Kraume & Schauspieler*innen.
Danke für den Tipp!

Übrigens hab ich da auch den Trailer zu 3 TAGE IN QUIBERON gesehen und zu DER HAUPTMANN (hatte vergessen, dass du den letztes Jahr auf deiner Top Ten Liste hattest – werde ich mir aber eher nicht anschauen)