Festivalbericht San Sebastián 2017

In neun Tagen habe ich 43 Filme gesehen, das macht fast fünf pro Tag. Etwas weniger als im Vorjahr, doch dazu war diesmal das Wetter (bei sonnigen 26-28°) zu gut und der Strand zu oft zu verlockend. Es war natürlich trotzdem, wie immer, eine viel zu große Zahl von Filmen in so kurzer Zeit.

Ein paar Bilder hab ich ja schon vom Spanien aus gebloggt. Meine Tweets zum Festival – auch mit vielen Fotos – gibt’s hier. Meine brandneue 360°-Kamera hatte ich auch dabei, dazu wird’s aber einen gesonderten Artikel geben. Vorneweg jedoch schon mal eine 360°-Aufnahme meines Lieblingskinos, des Teatro Victoria Eugenia. Bitte unbedingt rein klicken und mit der Maus in alle Richtungen bewegen und zoomen, schaut euch die Decke an und den roten Samtvorhang vor der Leinwand. Ein Traum von Kino:

Ich habe wieder eine Auswahl von zehn Filmen getroffen, die ich sehr empfehlen kann und hier kurz vorstellen möchte. Die Titel verlinken wie immer auf die englischsprachige Beschreibung des Filmes im Festivalkatalog, die Reihenfolge stellt keine Wertung dar.

1. Alanis von Anahí Berneri (Argentinien 2017)

Die argentinische Regisseurin Anahí Berneri wurde in San Sebastián für diesen Film als erste Frau überhaupt mit der Silbernen Muschel für die beste Regie ausgezeichnet. Und die Silberne Muschel für die beste Schauspielerin ging auch noch an die Hauptdarstellerin Sofía Gala Castiglione. Beides vollkommen zurecht. Ein eindrücklicher Film über das Überleben einer alleinerziehenden jungen Mutter als illegale Prostituierte. Ein bitterer Kampf um die pure Existenz und das Durchbringen ihres Sohnes unter den denkbar ungünstigsten Umständen.

2. La Novia del desierto von Cecilia Atán und Valeria Pivato (Argentinien/Chile 2017)

Für mich einer der schönsten Filme des Festivals. Die argentinisch-chilenische Koproduktion der beiden sympathischen Regisseurinnen wird getragen von der Schauspielleistung der fantastischen Paulina García (bekannt durch ihre Hauptrolle im Berlinale-Gewinner «Gloria», 2013). Alle drei Frauen und der in Lateinamerika ebenfalls sehr bekannte Hauptdarsteller Claudio Rissi waren im Festivalkino Kursaal 2 vor Ort und beantworteten nach der Vorstellung Fragen zum Film. Hier ein Bild der beiden Hauptdarsteller

Die beiden viel beschäftigten Regisseurinnen kamen erst während des Films per Flug in San Sebastián an. Hier ein spanischsprachiges Interview mit ihnen, das schon in Cannes geführt wurde, wo ihr Film die Ehre hatte im Wettbewerb zu laufen.

Die Handlung des Films ist schlicht, die Umsetzung umso beeindruckender. Die Mitte 50-jährige Teresa hat ihr Leben lang als Hausmädchen gearbeitet. Gelebt hat sie offenbar nicht. Nun muss sie zu einem neuen Arbeitgeber reisen und verliert ihr Tasche. Auf der Suche nach ihr gewinnt sie aber etwas, das hier nicht verraten werden soll, um nicht zu spoilern.

Filmstart in Deutschland: 30. November 2017. Unbedingt reingehen, lohnt sich!

3. Licht von Barbara Albert (Österreich 2017)

Über den wahren Fall einer 18-jährigen blinden Pianistin aus dem 18. Jahrhundert hat Barbara Albert einen beeindruckenden Film gemacht. Wer durch die unsäglich schlechten saarländischen Tatorte verdrängt haben sollte, dass Devid Striesow in Wahrheit ein guter Schauspieler ist, wird hier nochmal daran erinnert. Den um Anerkennung kämpfenden „Wunderdoktor“ Franz Anton Mesmer spielt er genau so gut, wie Maria Dragus die Rolle seiner blinden Patientin mit Leben füllt. Ein Drama zwischen Heilung und musikalischer Kunst, auch in den Nebenrollen sehr gut besetzt.

4. La educación del rey von Santiago Esteves (Argentinien 2017)

Der Jugendliche Reynaldo Galíndez, genannt «Rey», landet auf der Flucht vor der Polizei nach einem gescheiterten Einbruch im Hof des Hauses von Famlienvater Carlos Vargas. Dieser bietet ihm an, dass Rey die verursachten Schäden repariert und dass Vargas ihn dafür nicht an die Polizei ausliefert. Die folgenden Tage sind gekennzeichnet von einem besonderen Erziehungsversuch. Gelingt es mit pädagogischen Mitteln einen in die Kriminalität führenden, vorgezeichneten Weg zu verändern?

5. Three Billboards Outside Ebbing, Missouri von Martin McDonagh (USA, 2017)

Frances McDormand spielt eine Mutter, die sich nicht damit abfinden will, dass die Polizei nichts unternimmt, um den Mörder und Vergewaltiger ihrer Tochter zu finden. Sie mietet drei Werbetafeln (Three Billboards) an, um ihrem Protest deutlich sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Vollkommen zurecht hat dieser Film den Publikumspreis in San Sebastián gewonnen. Guter Rhythmus, klasse Musik und trotz des traurigen Themas verdammt gut gemachte Unterhaltung. Und die wunderbare Frances McDormand ist schauspielerisch wieder mal eine Klasse für sich.

6. Matar a Jesús von Laura Mora (Kolumbien/Argentinien 2016)

Die 22-Jährige Paula muss mit ansehen, wie ihr Vater vor ihren Augen erschossen wird. Sie findet den Mörder Jesús und beschließt, wie der Titel sagt, ihn zu töten. Wie weit wird sie gehen? Diesen Film zeichnet innerhalb des Schreckenszenarios der alltäglichen Gewalt in der kolumbianischen Stadt Medellín seine besondere Nachvollziehbarkeit aus. «Matar a Jesús» ist zudem ein sehr persönlicher Film von Regisseuirien Laura Mora, der ein ähnliches Schicksal widerfahren ist, wie das der jungen Protagonistin Paula.

7. Der Hauptmann von Robert Schwentke

Der Hauptmann

(Von diesem Film gibt es noch keinen Trailer, er hatte erst im September seine Uraufführung. Sobald es einen Trailer geben wird, baue ich ihn hier nachträglich ein.)

Der deutsche Wettbewerbsbeitrag in San Sebastián, ausgezeichnet mit dem Preis für die beste Kamera, basiert auf einem wahren Fall: Willi Herold, auch „der Henker vom Emsland“ genannt, fand im April 1945 die Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe. Gleich dem Hauptmann von Köpenick zieht er diese an und gibt sich von da an als Hauptmann aus. Der als Desserteur gejagte Gefreite versucht als Offizier zu überleben. Die Greueltaten, die er ab da begeht, gehen aber weit über das für sein eigenes Überleben notwendiges Spielen einer Rolle hinaus und sind auch für den Zuschauer nur noch schwer erträglich. Brilliant besetzt, nicht nur mit dem jungen Schweizer Schauspieler Max Hubacher in der Titelrolle, sondern auch mit dem großartigen Milan Peschel und dem aufstrebenden Schauspieltalent Frederick Lau als Soldaten, die sich ihm unterstellen bzw. anschließen. Bilder von den Dreharbeiten im Februar 2017 in der Oberlausitz gibt es hier. Der Film wird wohl Anfang 2018 in die deutschen Kinos kommen. Bis dorthin wird er dann auch spätestens einen Trailer haben. wink

8. Muchos hijos, un mono y un castillo von Gustavo Salmerón (Spanien 2017)

Diese Dokumentation gehört zu den seltenen Glücksfällen, die man auf einem Festival entdecken kann. Gustavo Salmerón hat einen Film über seine Familie gemacht, im Besonderen über seine mittlerweile über achtzigjährige Mutter Julita. Sie war, wie auch weitere Mitglieder der Familie, auch im Kino bei der Ausstrahlung der Doku anwesend, und man konnte schon dort merken, was für eine starke Persönlichkeit die Mutter ist. Als junge Frau hatte sie sich drei Dinge vorgenommen: sie wollte später mal viele Kinder, einen Affen und ein Schloss haben. Das gab auch den Titel des Films, der zeigt, wie es kam. Vierzehn Jahre (!) hat Gustavo Salmerón an diesem Film gearbeitet. Herausgekommen ist ein sehr privates und höchste sehenswertes Dokument einer ungewöhnlichen Familie, die vor ein paar Jahren in der Krise ihr Schloss wieder verloren hat, die sich aber – dank dem Engagement der Mutter und dem Zusammenhalt aller Familienmitglieder – nie aufgegeben hat.

9. The Square von Ruben Östlund (Schweden 2017)

Der Cannes-Gewinner ist ein ausgezeichnetes Beispiel für eine gelungene Gesellschaftskritik. Zentrales Thema: welche Funktion hat Kunst in unserem Leben? Hat sie überhaupt eine? Ist Kunst und das Zeigen von Kunst in Museen überhaupt relevant? Und wie steht es mit den Werten für die wir kunstbeflissen eintreten im alltäglichen Leben? Dem zweieinhalbstündigen Film verdanke ich die lustigste Szene des diesjährigen Festivals: In einem Interview vor Publikum wird der Protagonist und Museumsdirektor Christian durch einen an Tourette Erkrankten immer wieder gestört. Das kann man nicht nacherzählen, das muss man sehen. Insgesamt ist der Film vielleicht etwas zu lang (gerade während eines Festivals sind Filme über zwei Stunden immer schwierig), aber durchaus sehenswert.

10. Handia von Aitor Arregi und Jon Garaño (Spanien 2017)

Diese wunderschöne baskische Film bildet den Abschluss meiner Empfehlungen. Auch er basiert – wie so viele Filme dieses Jahr – auf einer wahren Begebenheit. Es geht um den im 19. Jahrhundert größten Mann der Welt, den 2,30 Meter großen Basken mit dem bezaubernden Namen Mikel Jokin Eleizegui Arteaga, genannt Gigante de Altzo. Der mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnete Film zeigt in starken Bildern die Geschichte der beiden Brüder Martin und des Riesen Joaquín.

Das war das Festivaljahr San Sebastián 2017. Verdammt gutes Kino gesehen, verdammt nette Menschen getroffen, verdammt gut gegessen und verdammt leckeren Wein getrunken. Aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen freue ich mich schon verdammt auf mein 24. Festival in Folge im Jahr 2018. wink

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
 
smilegrinwinkmrgreenneutraltwistedarrowshockunamusedcooleviloopsrazzrollcryeeklolmadsadexclamationquestionideahmmbegwhewchucklesillyenvyshutmouth
wpDiscuz