Festivalbericht Berlinale 2017

Tickets Berlinale 2017

Nun hatte ich (mir) eine Woche Zeit (gelassen), um mir die 48 Filme durch den Kopf gehen zu lassen, die ich auf der Berlinale in neun Tagen gesehen habe. So ein Festivalmarathon mit 5 bis 6 Filmen pro Tag ist eine enorme Belastung für das Auffassungsvermögen, zumal die Filme meist sehr fordernd sind. Sowohl was ihre Machart, als auch was ihre Thematik angeht. Ich stimme dem Tenor der Filmkritik, es sei ein durchwachsener Jahrgang gewesen nicht zu. Viele Journalisten, die über die Berlinale berichten, schauen sich größtenteils nur den Wettbewerb an. Da entgeht ihnen natürlich Einiges aus dem insgesamt ca. 400 Filme (!) fassenden Programm. Es gibt eben noch viele weitere Reihen auf der Berlinale, in denen es sehenswerte Filme zu entdecken gibt: Forum, Panorama und Retro, um nur drei zu nennen. Die guten Filmjournalisten wissen und würdigen das selbstverständlich.

Wie dem auch sei, Film ist immer auch ein subjektives Thema. Somit komme ich zu meiner persönlichen TOP 10. Dies sind die zehn Filme, die ich uneingeschränkt empfehlen kann (die Reihenfolge enthält keine Wertung, es ist die Abfolge, in der ich sie vom 10.-18.2.2017 gesehen habe):

1. Testről és lélekről (On Body and Soul)

von Ildikó Enyedi (Ungarn 2017)

Dieser sehr außer- und ungewöhnliche Film der Ungarin Ildikó Enyedi hat vollkommen zurecht, und wie von mir vorausgesagt, die Berlinale gewonnen. In «A Teströl és Lélekröl» (so der Titel im Original) geht es um Einsamkeit und um die eigentlich unmöglich erscheinedene Liebe zweier Menschen, die nicht nur den nahezu gleichen Traum träumen, sondern ganz zaghaft den Versuch wagen, ob es für sie so etwas wie ein gemeinsames Leben geben kann. In einfühlsamen, jedoch fern jedes Kitsches, inszenierten Bildern zieht einen die nur in Nuancen artikulierte Sehnsucht der Protagonisten in ihren Bann.

2. Una mujer fantástica

von Sebastián Lelio (Chile 2017)

Noch so eine unmögliche Liebe: ein verheirateter Mann verlässt seine Familie und hat eine Beziehung mit Marina, einer Transgender-Frau. Als er stirbt, versucht die Familie Marina von der Beerdigung fern zu halten. Doch die „fantastische Frau“ lässt sich die Trauer um den Menschen, den sie geliebt hat, nicht nehmen. Wider alle Verdächtigungen und wider alle Ressentiments. Der Chilene Sebastián Lelio, der 2013 mit «Gloria» beeindruckt hat – für mich damals der beste Film im Wettbewerb –, hat mit «Una mujer fantástica» wieder einen ganz starken Film abgeliefert.

3. La libertad del diablo (Devil’s Freedom)

von Everardo González (Mexiko 2017)

Manchmal sieht man Filme auf einem Festival, die so hart sind, dass man kaum die Kraft hat danach in den nächsten Film zu gehen. Diese Doku ist so einer. Maskiert kommen Opfer und Täter des Drogenkrieges in Mexiko zu Wort. Man wird mit der jeweiligen Perspektive auf die Grausamkeit des aktuellen Geschehens in Mexiko konfrontiert, dass es schwer auszuhalten ist. Gut gemacht keine Frage. Aber wie gesagt: sehr hart. Es geht dem Regisseur um die psychologische Betrachtung der unvorstellbaren Greueltaten, mit denen das land seit nunmahe über zehn Jahren leben muss. Siehe dazu auch ein Interview mit ihm.

4. The Party

von Sally Potter (Großbritannien 2017)

In diesen Film muss man alleine schon wegen Bruno Ganz gehen, der einen esoterisch angehauchten Deutschen mit dem wunderbaren Namen Gottfried spielt. Jeder Satz von ihm sitzt und ist eine Freude. Die Britin Sally Potter hat hier einen extrem dialog-lastigen Film gemacht, der seine Charaktere regelrecht vorführt. Die gezeigte Party verläuft anders als geplant. Der Film wird getragen von den weiteren hervorragenden Darstellern wie Kristin Scott Thomas, Cherry Jones und Cillian Murphy. Und einer Pointe, die es in sich hat.

5. Mr. Long

von Sabu (Japan, Hongkong, Taiwan 2017)

Sehr brutal – ok, nichts Ungewöhnliches für einen Film aus Fernost –, aber auch sehr berührend. Der Profikiller Long aus Taiwan, stark gespielt von Chen Chang, übernimmt einen Auftrag in Japan. Doch er sucht nach einem Weg aus der Spirale der Gewalt. Ob ihm das gelingt, soll nicht verraten werden. Dass der Film aber trotz seiner Brutalität sehr sehenswert ist, schon.

6. Toivon tuolla puolen (Die andere Seite der Hoffnung)

von Aki Kaurismäki (Finnland 2017)

Manche hatten ja gedacht, dass Kaurismäki für seinen Film über die Flüchtlingsproblematik den Golden Bären bekommt, doch am Ende wurde es „nur“ der Silberne (für die Beste Regie). Kaurismäki sagt, es solle sein letzter sein. Wenn dem so ist, kann man sagen, es ist nicht sein schlechtester. Was mir gut gefällt, ist, wie die beiden zunächst getrennt gezeigten Geschichten miteinander verbunden werden: Auf der einen Seite erleben wir einen in die Jahre gekommenen Handelsvertreter für Krawatten und Männerhemden, der seinem bisherigen Berufsleben den Rücken kehrt, und auf der anderen Seite einen Flüchtling aus Syrien, der nach seiner Flucht als blinder Passagier versucht, in Finnland ein neues Leben anzufangen.

7. Call me by your name

von Luca Guadagnino (Italien 2017)

Der 17-Jährige Elio ist verwirrt. Was er für den Assistenten seiner Vaters, der für einen Sommer zu ihnen stößt, empfindet, verwirrt und begeistert ihn zugleich. Der „Monolog“ des Vaters am Ende des Films gehörte für mich zu den eindrücklichsten Szenen der Berlinale. Ein Film über die Liebe. Oder wie Michael Meyns es in der taz nennt: «Ob homo oder hetero ist egal, Hauptsache Liebe». Sein Artikel liefert eine lesenswerte Zusammenfassung des Filmes: «Bilder, aus denen Begehren spricht». Der Panorama-Beitrag ist eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von André Aciman.

8. El Bar

von Álex de la Iglesia (Spanien 2017)

Ein Mann wird eines Morgens vor einer Bar erschossen. Für die Insassen der Bar beginnt ein einzigartiger Albtraum. Draußen sind plötzlich keine Menschen mehr zu sehen und die Bar inmitten von Madrids Zentrum entwickelt sich für die „Insassen“ zum Gefängnis. Wir rätseln und zittern mit ihnen. Wie der Film sich dann entwickelt, ist atemberaubend. Trash as trash can. Aber gut gemacht. Und unterhaltsam. Tut gut, auch mal was Unterhaltendes zwischen all dem meist sehr anspruchsvollen Kino zu sehen. «El Bar» von Álex de la Iglesia ist so ein erholsamer Film. Obwohl er auch viel Nervenkitzel bietet. Mit einer meiner spanischen Lieblingsschauspielerinnen, Carmen Machi. Wenn sie als Trini versucht, durch ein Abwasserloch in die Kanal-Unterwelt Madrids abzutauchen, bleibt kein Auge trocken. Gleichzeitig liefert der Film auch eine Gesellschaftskritik, und zeigt, was soziales Zusammenleben, fehlende Solidarität und Raffgier aus den Menschen unserer modernen Gesellschaft gemacht haben.

9. I am not your negro

von Raoul Peck (Frankreich / USA 2016)

Das große Plus der Berlinale ist die Vielzahl der internationalen Dokumentationen, die hier zu sehen sind. Mit Abstand die beste ist diese Dokumentation über die Texte des US-Autoren James Baldwin. Obwohl eine historische Rückschau ist diese Doku brennend aktuell. Time schreibt zurecht, der Film sei ein «Product of a Specific Moment in History». Worum geht es? Ich zitiere dazu die Filmbeschreibung aus dem Berlinale-Katalog, weil man es besser nicht sagen kann:

Ein prägnanter und verstörender Essay über die bis heute vom Mainstream weitgehend ausgeblendete Wirklichkeit schwarzer Amerikaner. Samuel L. Jacksons Stimme verleiht der poetisch-meditativen Sprache Baldwins einen angemessenen Ausdruck.

Der Film ist auch für den Oscar nominiert. Würde mich nicht wundern, wenn er heute Nacht einen bekommen wird.

10. El mar la mar

von Joshua Bonnetta, J.P. Sniadecki (USA 2017)

El Mar | 16mm to 5K | 101 minutes | 2017| Joshua Bonnetta & J.P. Sniadecki from joshua bonnetta

Last but not least eine weitere Doku. Und was für eine. Vollkommen zurecht ausgezeichnet mit dem Caligari-Filmpreis, der im Rahmen der Berlinale vom Bundesverband kommunale Filmarbeit und der Kinozeitschrift «Filmdienst« verliehen wird. In dieser experimentellen Doku geht es um Migration, Flucht und Politik. Gezeigt werden Bilder aus der Sonora-Wüste zwischen Mexiko und den USA. Auch ein sehr aktueller Film, aus traurigem Anlass. Ein gefilmtes politisches Gedicht, dessen eindrückliche Bilder aus der Natur im Grenzbereich zweier Länder, die unterschiedlicher nicht sein können. Bilder, die haften bleiben.

Und zum Abschluss noch eine…

Lobende Erwähnung: „Río Verde. El tiempo de los Yakurumas

…für die Brüder Diego y Álvaro Sarmiento für ihre wunderbar stille und doch so vielsagende Doku über die indigene Bevölkerung im peruanischen Andengebiet. Ein Film fast ganz ohne Text, ohne Off-Kommentar. Eine geradezu meditative Annäherung an ein Leben ganz nah bzw. inmitten der unberührten Natur. Hier samt Ausschnitten aus dem Film zu sehen im Interview mit der Deutschen Welle: «Álvaro y Diego Sarmiento, cineastas de Perú».

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10 Kommentare auf "Festivalbericht Berlinale 2017"

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Liisa
Gast

Vielen Dank mal wieder Markus, für Deinen Festival-Bericht und die Arbeit die Du Dir damit immer machst. Ich freu mich immer schon sehr auf Deine Besprechungen, wenn Du auf großen Festivals warst. Hab schon manchen guten Tipp mitgenommen.

Hab ich das richtig verstanden, dass Kaurismäki gesagt hat, diese Film soll sein letzter sein? Oder der Silberne Bär soll sein letzter sein? Sollte es tatsächlich ersteres sein, bin ich wirklich traurig. Sehr schade, wenn er wirklich keine Filme mehr machen würde. Soooo alt ist es doch noch gar nicht!

Carmen
Gast
Muchas gracias, Markus! Die meisten dieser Filme hatte ich in meinem Programmplaner. Und hin und her geschoben, um zu sehen, wie ich an einem Tag möglichst viele davon sehen könnte. Dann habkapituliert, mich kurzfristig für einen Festival-MOntag entschieden und „wenig STress“ bei Ticketkauf etc Und einen sehr vergnüglichen TAg erlebt. Jetzt hoffe ich, dass möglichst viele von deinen Favs ins Kino kommen und ich dann auch jeweils Zeit habe. Am besten stehen die Chancen wohl für den Kaurismäki, auf den ich mich auch schon richtig freue. Das Erlebnis während des Festivals ersetzt es nicht ganz. Alle Filme OmU bzw. OmeU.… Read more »
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[…] schauen). Ich habe die geniale Doku „I’m not your negro“ ja schon in meinem Berlinale-Bericht […]

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