Ikea: Entdecke die Möglichkeiten!

Wer gestern die Sendung Trackback gehört hat, kennt jetzt den aktuellen Stand zum Thema «Schließung des Blogs IKEA Hacker» (im Podcast behandelt von Minute 38-50). Thomas Meyer wird das Blog, das er bis zum 31.07.2007 betrieben hat, nicht mehr weiterführen. Die Firma IKEA Deutschland ist nach wie vor ausdrücklich dafür zu loben, dass sie in diesem Fall nicht die Anwälte bemüht hat, sondern den direkten, wenn auch – so Meyer – nur einmaligen, Kontakt zu dem betroffenen Blogger gesucht hat. Deshalb will ich jetzt auch gar nicht weiter auf die Versäumnisse eingehen, die sich nach Aussagen von Thomas Meyer vor und zu Beginn seines Blogprojektes auch bei IKEA zugetragen haben, sondern verweise hierzu auf den Kommentar von Thomas bei mir im Blog.

Sehr wohl möchte ich aber noch einmal betonen, dass mit mir viele in der Blogosphäre – und sicherlich auch zahlreiche kreative Menschen aus dem Marketing, ja vermutlich sogar die Mitarbeiter von IKEA (siehe hierzu den Kommentar eines IKEA-Mitarbeiters) – enttäuscht sind über die Reaktion von IKEA Deutschland auf den kreativen Umgang mit den Produkten des Möbelhauses in einem privaten Blogprojekt. Da ich selbstverständlich nicht für andere reden kann, stellt das im Folgenden Gesagte nur meinen Standpunkt dar (wer sich anschließen möchte oder gegenteiliger Meinung ist, sei wie immer herzlich in den Kommentarbereich von «Text & Blog» eingeladen, um Stellung zu beziehen).

IKEA hat in der aktuellen Auseinandersetzung um das Blog «IKEA Hacker» meiner Meinung nach die ganz große Chance verpasst, ein Projekt des viralen Marketings zumindest nicht zu behindern, wenn sie es schon nicht mit geeignetem Pressematerial unterstützen wollen. Der gesunde Menschenverstand sagt einem doch schon: Was kann einer Marke denn besseres passieren, als dass sich die tatsächlichen und (durch die Bloglektüre) potentiellen Kunden über Einsatz- und damit Einkaufs(!)-Möglichkeiten von Produkten dieser Marke unterhalten. IKEA ist für viele Menschen ein sehr emotionales Thema (darin begründet sich auch die stets große Medienressonanz auf IKEA-Themen), viele Kunden haben schon während ihrer Studenten- oder Ausbildungszeiten ihre Bude mit Möbeln der von Ingvar Kamprad gegründeten schwedischen Firma eingerichtet (wo stehen nicht überall Billy-Regale?) und viele nehmen auch die IKEA-Wohlfühlkultur gerne in ihre weiteren Lebensphasen mit. IKEA ist es darüber hinaus gelungen, seinen Kunden trotz Massenproduktion ein Gefühl von individueller Einrichtungsvielfalt zu vermitteln. Die Möglichkeit, diese Individualität noch weiter zu erfahren, indem man Vorschläge wie in den erfolgreichen IKEA-Hacker-Blogs gezeigt, umsetzt, hat IKEA nun erstmal unterbunden.

Das zwar legitime juristische Pochen auf das Markenrecht scheint mir jedenfalls nicht die Antwort auf ein von Kunden umgesetztes Firmenmotto «Entdecke die Möglichkeiten» zu sein. Zugegeben: IKEA hatte im aktuell diskutierten Fall ein berechtigtes Anliegen auf eine eventuelle Verwechslungsgefahr hinzuweisen. Streiten kann man sich darüber, ob die gestellten Bedingungen überzogen waren. Ist es wirklich so schlimm, dass das Wort Ikea in der Domain ikeahacker.de vorkam? Es wurde immerhin mit hacker kombiniert, was ja schon sehr vielsagend ist. Und ist es tatsächlich so schlimm, wenn Pressefotos zum Einsatz kommen? Wozu verschickt man Pressefotos? Doch damit sie gezeigt werden und dadurch auf die Produkte des Unternehmens aufmerksam gemacht wird. Genau das wurde in besagtem Blog getan. Aber darum geht es mir gar nicht, denn, wäre man gegenüber der Angelegenheit etwas wohlgesonnener gewesen – was angesichts eines die Interessen des Unternehmens wahrenden geschickteren Web-Monitorings durchaus angebracht gewesen wäre – hätte man hier statt einseitig formulierter Restriktionen gemeinsam Lösungen finden können. Das Sicherheitsargument scheint mir eher ein vorgeschobenes zu sein, wobei ich betonen möchte, das dies meine persönliche Meinung ist. Und selbst, wenn es der tatsächliche Grund für die Absage an das Projekt gewesen wäre, hätte es hierfür Lösungen, wie ich sie in meinen Kompromissvorschlägen angedeutet habe, gegeben: Bei Anleitungen, welche die Funktionsfähigkeit oder die Sicherheit der Produkte gefährden könnten, hätte man diese mit einer deutlichen Formulierung “Nachbau auf eigene Gefahr” versehen können.

Die Tatsache, dass Thomas Meyer nun mehr als enttäuscht ist und sein Blog «IKEA Hacker» nun endgültig einstellt, finde ich zwar bedauerlich, doch möchte ich seine Entscheidung nicht weiter kommentieren, als zu sagen, dass ich seine Gründe durchaus nachvollziehen kann.

Wie kann es nun weitergehen mit der in der aktuellen Diskussion durchaus positiv aufgenommenen Blogidee? Nun, laut der Ikea-Informationsschrift «Daten & Fakten 2006» (PDF, 16 Seiten, 3,9 MB – produziert im September 2006 von Corporate PR, IKEA Services AB.) hat IKEA zur Zeit ca. 9.500 Produkte im Sortiment. Ich denke, da steckt Einiges an Ideen drin, was man – jenseits des Mainstreams – an klugen Einsatzmöglichkeiten mit den einzelnen Produkten dieses Sortiments umsetzen kann. Es wird sich sicher ein Blogger oder eine Bloggerin, oder ein gemeinschaftlich geführtes Blog finden, dass die aktuelle Diskussion um dieses Thema aufnehmen wird, und unter Berücksichtigung der von IKEA formulierten Bedingungen ein Blogprojekt umsetzen wird. Und dieses Blog wird dann Erfolg haben, wenn die Leserinnen und Leser mit kontinuierlichen Vorschlägen das Projekt mit Leben füllen, wie es das amerikanische Vorbild ikeahacker.blogspotcom seit 15 Monaten erfolgreich vorführt (mit zur Zeit über 5.700 Feed-Abonnenten, wenn man den Feedburnerzahlen glauben darf). Übrigens ist IKEA auch in der spanisch- und portugiesischsprachigen Blogosphäre, die ich kontinuierlich verfolge, stets ein beliebtes Thema; ich gebe hier jedoch bewusst keine Links auf die netten und erfolgreichen Blogprojekte in spanischer und portugiesischer Sprache an, um nicht den übertriebenen Ehrgeiz der PR-Abteilung von IKEA Deutschland zu wecken, die in dem am 2. August 2007 erschienenen Artikel in der Frankfurter Rundschau angekündigt hat, man wolle die amerikanischen Kollegen über die Existenz jenes Blogs informieren, damit sie auch gegen dieses vorgehen. Vorsichtig ausgedrückt könnte man sagen, dass sich die PR-Abteilung mit dieser missionarischen Haltung nicht unbedingt positive Karmapunkte in der deutschen Öffentlichkeit erworben hat. Und zum US-amerikanischen IKEA-Sortiment kann ich noch den Tipp geben, dass der dortige bis 30.06.2008 gültige IKEA-Katalog 2008 schon im Netz konsultiert werden kann (Flash-Version mit Druck, Such- und Zoom-Funktion. Klar: alles in U$-Preisen).

Zum Abschluss noch dieses Schmankerl: Die Personalabteilung im Hause IKEA kann übrigens auch IKEA hacken, wie einige Beispiele aus Werbeaktionen zur Gewinnung von Auszubildenden zeigen. Die durchaus kreativen und klugerweise nicht die Sicherheit des Einsatzes gefährdenden Vorschläge sind hier im Format PDF verlinkt:
Die Texte in den Anzeigen lauten so: “Bei uns kann aus einem Abstropfgestell ein Plattenregal werden” bzw. jeweils mit den anderen hier aufgeführten IKEA-Hacks: Nett und sympathisch umgesetzt, keine Frage, allerdings nur für den internen Zweck Auszubildende für Ikea zu finden, doch durchaus kreativ:

Schade, dass IKEA nicht die aktuelle Chance ergriffen hat, auch seine Kunden wirklich die Möglichkeiten entdecken zu lassen, die das schwedische Möbelhaus bietet. Vielleicht gibt die Blogosphäre trotz dieser verpassten Chance die entsprechende Antwort. Hej, ich würde es jedenfalls begrüßen.

4 Gedanken zu “Ikea: Entdecke die Möglichkeiten!

  1. Schade, dass fehlende Schrauben offenbar auch im Management zu finden sind – jedenfalls ist die Werbung kreativer, als der Umgang mit den Geworbenen …

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